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Zur Situation der ChaldoAssyrer im Irak - März 2006 in "Offene Kirche" PDF Drucken E-Mail

Christen im Irak zwischen Angst und Hoffnung -
Zur Situation der ChaldoAssyrer

Horst Oberkampf, Bad Saulgau
8. Februar 2006


Der heutige Irak, das frühere Zweistromland, Mesopotamien oder Bethnahrin war und ist die Wiege unserer Kultur und Religion. Heutzutage hören und sehen wir aber leider fast jeden Tag in den Fernsehnachrichten nur von Selbstmordattentätern, die unschuldige Menschen in die Luft jagen, von Anschlägen und Entführungen. Es gibt gegenwärtig keine Sicherheit und keinen Frieden im Irak. Wir können nur hoffen und beten, dass in diesem einst so gesegneten Land Friede und Sicherheit bald wieder einkehren werden. Die Menschen sehnen sich danach!

 

Wir haben Frieden noch nie erlebt

Studenten in Erbil und Dohuk sagten mir im Juli 2003, als ich den Nordirak zum dritten Mal besuchte, sie hätten in ihrem Leben nur Krieg und Zerstörung, aber nie Frieden erlebt. Leider stimmt es: Der Irak erlebte in den letzten 25 Jahren nur Kriege
> Der erste Golfkrieg von 1981 - 1988 zwischen Irak und Iran, in dem u.a. die Amerikaner Saddam Hussein noch unterstützten. Eine Million Menschen kamen ums Leben. In Halabja wurden tausende Kurden in einer Nacht durch Giftgas ermordet.

> Der Zweite Golfkrieg 1991 : Saddam besetzte Kuweit. Die Alliierten hielten dagegen; mit einem Mandat der UNO wollten sie Kuweit befreien und Sad­­dam in seine Schranken weisen. Schiiten im Süden, Kurden und Assyrer im Norden hatten unter den Reaktionen Saddams und seiner Elite-Truppen ungeheuer zu leiden. Es gab viele Zer­störungen. Ergebnis war u.a. eine Schutzzone für Schiiten im Süden und für Kurden, Assyrer und Turkmenen im Norden. Die Präsenz der Alliierten im Norden ermöglichte das Überleben der Minderheiten.


> Der dritte Krieg am Golf 2003: Im März griffen die USA und England ohne Mandat der UNO den Irak an, um Saddam zu stürzen. Voraus gingen lange Verhandlungen und Suchaktionen nach Materialien, mit denen Atombomben gebaut werden könnten. Die USA vermuteten im Irak entsprechende Materialien und Waffen. Hinzu kam, dass in der Ideologie von Präsident Bush der Irak und Saddam zur „Achse des Bösen“ gehörten. Den amerikanischen Präsidenten leitete eine religiöse Mission, dieses Böse und diesen Bösen auszumerzen - fast den Kreuzzügen im Mittelalter vergleichbar - und das irakische Volk zu befreien. Dieser Krieg wurde sehr unterschiedlich beurteilt. Die Einschätzungen gingen von „völkerrechtswidriger Krieg“ über „Angriffskrieg, der heute nicht mehr sein darf“, bis hinzum „Befrei­ungskrieg“. In Europa demonstrierten Millionen Menschen in der größten Friedensbewegung gegen diesen Krieg. Die Bundesregierung hielt sich aus diesem Krieg heraus; deutsche Soldaten wurden nicht in den Irak geschickt. Heute spielt diese Position in der politischen Auseinandersetzung um eine mögliche Unterstützung Amerikas durch den BND im Irak wieder eine Rolle. 

Auch christliche Kirchen Ziele von Angriffen

Ich ahnte damals schon und dies erhärtete sich von Monat zu Monat nach Ende des Krieges im April 2003, dass in diesem hochexplosiven Land mit Krieg und Gewalt kein Friede und keine Sicherheit geschaffen werden kann. Sicher, Saddam wurde im Dezember 2003 gefasst. Er bekommt jetzt seinen Prozess im Irak - bestimmt ein ungeheuer schwieriges Problem in dieser instabilen Situation. Er muss mit der Todesstrafe rechnen. Viele Männer aus seiner Clique wurden eben­­falls verhaftet und warten auf ihre Bestrafung. Die Unsicherheit im Irak bis hin zu bür­ger­kriegs­ähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen Amerikanern - den ursprünglichen Befreiern und jetzigen Besatzern - und Aufständischen, zwischen Terroristen aus dem Ausland und aus dem eigenen Land, geht in der Zwischenzeit unvermindert weiter. Tausende von Menschen Imagemussten nach Ende des Krieges ihr Leben lassen. Schlim­me Vorkommnisse sind zu beklagen: Der Anschlag auf das UNO-Hauptquartier und das Zentrum des Internationalen Roten Kreuzes, Anschläge vor Moscheen und christliche Kirchen, auf hochrangige Religionsführer und Volksvertreter, auf Arbeitsvermittlerstellen und Marktplätzen in Bagdad, Mosul und in anderen Städten gehören zum gegenwärtigen Alltag. Über 30 Kirchen wurden in Mosul, Bagdad und Kirkuk zerstört und hunderte Christen getötet. Ende Januar 2006 wurden neue Anschläge auf christliche Kirchen verübt.

 

Situation der Christen im Irak

Die Situation der Christen hat sich sehr verschärft: Von Islamisten werden sie oft als „Ungläubige“ bezeichnet. „Verlasst das Land!“, kann es dann sehr aggressiv heißen, obwohl es doch ihre Heimat ist und Christen schon länger im Irak leben als Muslime. Hinzu kommt, dass den Christen während der Saddam-Herrschaft eine gewisse Nähe zum Diktator vorgeworfen wurde, besonders in Bagdad und Mosul; denn er gab ihnen einen gewissen Schutz. Im Norden des Iraks wur­den die Christen in der „Schutzzone“ mit den Kurden gleichgestellt und hatten das gleiche Schicksal wie sie auch zu erleiden. Heute wiederum müssen sie mit dem Vorwurf leben, sie würden mit den Amerikanern unter einer Decke stecken, da sie der gleichen Religion angehören. Die Christen scheinen wieder zwischen allen Stühlen zu sitzen.

 

Erste politische Veränderungen

Und doch gibt es auch erste Schritte hin zu einer politischen Veränderung – dazu einige Stichworte: Die Iraker haben zum ersten Mal im Januar 2005 ihre Nationalversammlung gewählt. Am 15. Oktober 2005 wurde in einem Referendum landesweit über eine "neue Verfassung" abgestimmt, die von der Nationalversammlung vorbereitet wurde. Sie wurde mit Mehrheit angenommen, wenn auch von etlichen mit Zähneknirschen. Am 15. Dezember 2005 wurde ein neues Parlament für vier Jahre gewählt, das eine Regierung für die nächsten vier Jahre einsetzt. Von den 275 Sitzen gewann die Allianz der religiösen Schiiten-Parteien 128 Sitze und die Kurden 53 Sitze ; weiter folgen die Sunniten mit 44 Sitzen, das überkonfessionelle Bündnis des säkularen Schiiten Ijad Allawi mit 25 Mandaten und noch weitere kleinere Volksgruppen, wie z.B. die Assyrer (Christen) Imagemit drei Sitzen. Yonadam Kanna, unser langjähriger Freund, Generalsekretär der "Assyrian Democratic Movement" (ADM) und nach meiner Einschätzung gegenwärtig der politische Kopf der Assyrer, ist über die Liste "Al Rafidain" (704) in das neue Parlament im Irak gewählt worden.

Wichtig und neu gegenüber der Wahl vom Januar 2005 ist, dass die Sunniten jetzt auch mit im Boot sind. Denn aus dieser religiösen Gruppierung des Islam kamen die Mitglieder der früheren Baath Partei, die Saddam unterstützte. Sie haben jetzt auch Regierungsverantwortung übernommen und sind eingebunden in die gemeinsame Verantwortung, die das neue Parlament übernommen hat. Es ist wichtig, dass jede Volksgruppe, ob sie nun klein oder groß ist, am Aufbau des "neuen Iraq" politisch beteiligt wird. Gleichzeitig übergeben die Amerikaner sukzessive die gesamte politische Verantwortung an die gewählten Iraker. Sie wollen sich in absehbarer Zeit zurückziehen.

Religiöse und ethnische Volksgruppen

Genaue Angaben über die Bevölkerungszahl im Irak fehlen gegenwärtig. Man spricht von 25 - 26 Millionen Einwohnern (vgl. www.welt-in-zahlen.de). Legen wir diese Zahl zu Grunde, dann ergibt sich folgendes ethnische Bild: 77 % Araber ca. 20 Millionen, 19 % Kurden ca. 5 Millionen und 4 % Andere (Assyrer, Armenier, Yesiden, Turkmenen usw.). Religiös setzt sich die Bevölkerung in etwa wie folgt zusammen: 96 % Muslime ca. 25 Millionen (65% Schiiten: ca. 16,9 Millionen und 31 % Sunniten: ca. 8,1 Millionen), 3 % Christen (Assyrer und Armenier) ca 700.000 und 1 % Mandäer, Yesiden, Juden: ca. 250 000. Das heißt: Die stärkste ethnische Gruppe sind mit Abstand die Araber; sie bilden die Mehrheit im Land. Die größte ethnische Minderheit bilden die Kurden. Sie gehören, wie die Araber und Turkmenen auch dem Islam an. Sie leben vor allem im Norden. Sie hoffen, dass sie durch die politischen Veränderungen eine möglichst weitgehende Autonomie im Nordirak (Hauptstadt: Erbil) bekommen werden. Die Kurden regieren in dieser Region schon seit 1992 unter Mitwirkung der Assyrer, die von insgesamt 105 Sitzen im Regional Parlament nur 5 haben.

Der Irak ist schon immer ein multi-ethnisches und multi-religiöses Land gewesen. Es wird jetzt wesentlich darauf ankommen, wie die verschiedenen Volksgruppen miteinander umgehen und wie die Mehrheit mit den Minderheiten umgeht, also die muslimischen Gruppen mit den Christen, die Araber mit den Kurden, die Kurden mit den Assyrern.

Assyrer sind Christen

Ethnisch gesehen sind die Christen Assyrer, die auf eine 4000-jährige Kulturgeschichte blicken können. Sie gehören zu den ältesten Volksgruppen im Irak, vielleicht sind sie sogar die älteste. Ninive (bei Mosul) ist z.B. eine alte StadtImage der Assyrer, uns bekannt aus dem Jonabuch des Alten bzw. des Ersten Testamen-tes. Heute sind die Assyrer alle Chri-sten. Sie haben schon sehr früh den christlichen Glauben übernom-men.

Sie gehören vor allem vier Kirchen an: Die Heilige Apostolische Kirche des Ostens oder kurz: die Assyrische Kirche (1) – die Chaldäisch Katholische Kirche (2) - sie spaltete sich im 16./17. Jahrhundert von der Apostolischen Kirche des Ostens ab; sie erkennt den Patriarchen in Bagdad und den Papst in Rom als Oberhäupter an; sie ist zahlenmäßig heute die größte Kirche im Irak – die Syrisch Katholische Kirche (3) und die Syrisch Orthodoxe Kirche (4). Neben den Assyrern sind auch die Armenier Christen; sie gehören zur Armenisch Orthodoxen Kirche.

Alle Christen im Irak sprechen einen Dialekt des Aramäischen, der Muttersprache Jesu, und zwar in der Umgangs- und in der Liturgiesprache. Darauf sind sie stolz; Imagees prägt ihre Identität, weil sie die einzigen sind, die heute noch die Muttersprache Jesu sprechen. Es ist für mich jedes mal ein tiefes Erlebnis, wenn diese Christen in ihren Gottesdiensten das "Vaterunser" "Abun d-bashmayo" auf Aramäisch beten.

Die Angaben über die Zahlen der Assyrer und Christen schwanken sehr: Die einen sprechen von insgesamt ca. 600.000 bis 800.000 Christen; andere sagen, es leben gegenwärtig nur noch ca. 350.000 Christen im Irak. Fest steht: Viele Christen sind während und nach dem 2. Golfkrieg 1991, vor und nach dem Krieg 2003 geflohen, vor allem auch nach den Anschlägen auf ihre Kirchen im Jahr 2004 und nach Bedrohungen und Diskriminierungen durch Islamisten.

Die Christen haben es gegenwärtig sehr schwer, weil sie sich an vielen Stellen anders verhalten und anders denken als Muslime. Christliche Frauen in Bagdad z.B., die sich nicht verschleiern, sind in Gefahr; Händler, die Alkohol anbieten, und Christen, die in amerikanischen Einrichtungen arbeiten ebenso. Radikale Muslime wollen dieses andere Verhalten in ihrem Land nicht mehr dulden und bedrohen Christen, die sich nicht beugen wollen, oder trachten ihnen nach dem Leben. Wir können nur hoffen, dass die Christen durch die neue Verfassung ihre Rechte bekommen, genauso wie die anderen Gruppen auch, und dass sie als Minderheit Fürsprecher bei den großen Volksgruppen finden.

ChaldoAssyrer - ein neuer Name

Um die Einheit unter Assyrern und Chaldäern zu dokumentieren und deutlich zu machen, dass es sich um eine Nation handelt - kulturell, religiös, sprachlich und politisch - haben die Betroffenen auf einer Konferenz in Bagdad im Oktober 2004 den Begriff ChaldoAssyrer 
gewählt. Die Einheit in der Vielfalt soll damit zum Ausdruck kommen. Es ist klar, wenn solch ein Begriff gewählt wird, dann wird auch jede Gruppe, die sich dazugehörig fühlt, ihren Beitrag bringen müssen. Das haben "Kompromisse" so an sich. Es ist für die Zukunft der ChaldoAssyrer entscheidend, im "neuen Irak" mit einer Stimme zu sprechen. Nur so wird es möglich sein, sich in der Vielfalt der Volksgruppen im Irak behaupten zu können.

Projekte und Aktionen

Die Evang. Landeskirche in Württemberg, meine frühere Kirchengemeinde Bad Schussenried und Freunde, wir kümmern uns schon seit Jahren um die etwa 40.000 Assyrer im Nordirak, die bis 2003 Schutz in der sog. „Schutzzone der Alliierten“ nördlich des 36. Breitengrades fanden. Seit dem letzten Krieg 2003 gibt es diese Grenzen nicht mehr. Der Norden ist für uns nach wie vor die Region, in der wir uns um die Christen kümmern, verstärkt jetzt auch der Distrikt Mosul, weil dort viele Assyrer leben. 

Verschiedene Projekte wurden im Nordirak seit den 90er Jahren und besonders in Imageden letzten zehn Jahren durchgeführt: Zerstörte Kirchen wurden wieder aufgebaut; Schulen, Wasserprojekte und medizinische Stationen wurden errichtet; Studenten und arme Familien wurden unterstützt und humanitäre Hilfe wurde für Flüchtlinge geleistet, die aus dem Süden, vor allem aus Bagdad in den noch sicheren Norden zu Bekannten und Verwandten flohen. Wir arbeiten im Nordirak mit zwei Hilfsorganisationen zusammen, die ihren Sitz in Dohuk haben: mit CAPI (Christian Aid Program Northern Iraq) und mit AAS (Assyrian Aid Society). Ich werde die Projekte und Kontakte beibehalten und fortsetzen, auch wenn ich jetzt nicht mehr im aktiven Dienst meiner Kirche bin. 


Schau nach deinen Geschwistern

So heißt es in der Davidsgeschichte in unserer gemeinsamen Bibel in 1. Samuel 17,18; weiter steht dort: Und sieh ob es ihnen gut geht (genauer: ob der Schalom Gottes unter ihnen ist). Dies praktiziert z. B. mit großer Hingabe.
Dr. Haifa Ishaq Imageeine junge Ärztin aus Dohuk. Sie war unsere erste Studentin, die wir seit 1992 einige Jahre aus dem "Studenten-fonds" der Kirchenge-meinde Bad Schus-senried unterstützten. Gegenwärtig macht sie ihren Facharzt für Radio-logie. In ihrer Frei-zeit fährt sie mit der "mobilen Klinik", finanziert von unserer Landeskirche in Stuttgart, auf die Dörfer und hält dort ihre Sprechstunden ab. Medikamente bekommen ihre PatientenInnen kostenlos aus einer kleinen Apotheke, die zur "mobilen Klinik" dazu gehört. Damit diese Besuche von Dr. Haifaa bei den Vergessenen und Armen fortgesetzt werden können, sind wir dringend auf weitere Spenden für Medikamente angewiesen. "Ich möchte etwas von dem an andere weitergeben", sagte sie mir bei meinem letzten Besuch in Dohuk, "was ich einst selber von meinen Freunden in Bad Schussenried erfahren habe". Eine gute Einstellung, denke ich, die wahrlich unterstützungswürdig ist! 


Informationen :
> Spenden für unsere Projekte bitte an: Evang. Kirchengemeinde 88427 Bad Schus­senried, KSK Bad Schussenried (BLZ 654 500 70), Konto: 701 251 – Stichwort: Nordirak

erschienen in "Offene Kirche" Nr. 1 / März 2006

In diesem Zusammenhang wird auf zwei interessante Artikel des UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) Vertretung Deutschland hingewiesen, die interessante Hinweise zur Situation der christlichen, aber auch anderer religiöser Minderheiten liefert:

> "Hintergrundinformation zur Situation der christlichen Bevölkerung im Irak" (Stand: Juni 2006)
http://www.unhcr.de/pdf/588.pdf


> "Hintergrundinformation zur Gefährdung von Angehörigen religiöser Minderheiten im Irak" (April 2005)
http://www.unhcr.de/pdf/500.pdf


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Letzte Aktualisierung ( Samstag, 1. März 2008 )
 
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