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Besuch September 2006 "Der Tur Abdin zwischen Aufbruch und Unsicherheit" - Horst Oberkampf PDF Drucken E-Mail
ImagePersönliche Eindrücke und Wahrnehmungen, Überlegungen und Einschätzungen von meinem Besuch im Tur Abdin vom 8. - 22. September 2006.

Der Tur Abdin zwischen Aufbruch,

Unsicherheit und Angst

Eindrücke, Beobachtungen und Begegnungen von einem Besuch im Tur Abdin im September 2006

Pfarrer i.R. Horst Oberkampf, Solidaritätsgruppe Tur Abdin, Bad Saulgau

Erster Teil des Berichtes             
                                                                                      

ImageVorbemerkung:
Ich machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch im Tur Abdin und zwar vom 8. – 22. September  2006. Ich machte diesen Besuch aus meiner persönlichen Solidarität mit dem Tur Abdin heraus und in meiner Eigenschaft als Mitverantwortlicher der "Solidaritätsgruppe Tur Abdin".

Mein Bericht ist in zwei Teile gegliedert: In Teil eins (S. 1 -8) versuche ich, einige thematische Gesichtspunkte  und Begegnungen darzustellen. Im Zweiten Teil des Berichtes (S. 9 – 13) geht es um die gegenwärtige Sicherheitslage für die Christen im Tur Abdin. 

Ich hatte drei Stationen, von denen aus ich dann Besuche in Dörfern und Klöstern machte, die unterschiedlich lang dauerten. Mal war es nur eine Stunde, mal waren es einige Stunden.Die drei Stationen waren: Kafro Tachtayto – Kloster Mar Gabriel – Kloster Deir el Zafaran. 

Ich besuchte auf verschiedenen Touren folgende Dörfer – vgl Karte "Tur Abdin"

1.  Kafro – Harabemischka – Sederi - Badibe – Ihwo – Harabale//
2. Enhil – Kloster Mar Melki – Harabale - Kloster Mar Gabriel//
3. Urdnus (Arnas) – Kfarze – Bekusyone (Baksiyan) – Hah (Anith) –  Dayro Daslibo (Dersalip) – Salah mit Mar Yacub//
4.  Mozizah (Mzizah) – Inwardo (Aynvert) – Mor Barsaum/ Mor Aphrem –Mor Abraham/ Mydiat//
5. Idil (Azakh) – Miden – Bsorino (Basibrin) - Sare
6. Habsus (Habsnas) mit Mor Loozor – Hesno d-Kifo (Hasankeyf) – Mar Aho (bei Defni)
7. Arbo (Tasköy)
8. Kloster Deir el Zafaran – Dara (kein Christendorf/ altes Dorf mit Spuren aus der Zeit vor Christus) – Kelith (Killit) – Mardin
9. Diyarbakir (Omid/ Amida) 

Ich werde nicht über jeden Tag und über jedes Dorf und über jedes Gespräch berichten, sondern ich will versuchen, einige Eindrücke und Gesichtspunkte thematisch darzustellen und zu kommentieren. Was fiel mir auf, was hörte und sah ich Neues, welche neuen Entwicklungen sind festzustellen im Vergleich zu meinen letzten Besuchen in den 90er Jahren, was muss ich hier bei uns unbedingt ansprechen und weitersagen? usw. – so und ähnlich lauteten meine Fragen, die ich mit in den Tur Abdin genommen hatte.             

 

1. Bauen und Renovieren stehen hoch im Kurs

Renovierung der Kirchen: Es hat mich stark beeindruckt, wie überall repariert, renoviert, konserviert oder neu gebaut wird in den Dörfern. Häuser, Kirchen und Klöster wurden und werden enorm hergerichtet. In vielen Dörfern zeigt sich dieser Aufbruch. Es gibt aber auch noch Dörfer, wo bislang fast noch gar nichts oder nur wenig getan wurde. Fasziniert war ich von mancher Kirche, die vor dem Zerfall Imagegerettet wurde. Sie wurde behutsam und im Stil der alten Kirchen für heute wieder aufgebaut und saniert. Auf diese Weise wurde so manches Kirchenschiff, so manche Apsis und so manche Nebenräume in alter oder neuer Schönheit wieder hergestellt. Die Akustik ist durch diese Renovierung stark gewachsen. Ich denke z.B. an die Kirchen in Kelit, in Hah, in Daslibo (Friedhof), in Bekusyone, im Kloster Mar Gabriel (Gottesdienstraum, Theodora Kapelle, Marienkirche), in Habsus, in Mar Melki, in Mar Yakub (Salah), in Bsorino  und viele andere. 

Altar in renovierter Kirche: Mit was ich oft Probleme hatte, das waren die Altäre. Ich finde, die vorhandenen modernen Altäre und der Stil der alten Kirchen passen nicht zusammen, zumal die hohen Altäre oftmals die schöne Apsis der Kirche und dann auch noch ein schönes Steinkreuz in der Apsis – das wichtigste Symbol in einer christlichen Kirche! – verdecken. Der Altar war ursprünglich nichts anderes als ein "Tisch". Warum kann in diese schlichten und schönen "Tur Abdin Kirchen" nicht auch der Tisch stärker wieder berücksichtigt werden? Mit beiden ImageBischöfen und mit manchem Malphono in den Klöstern habe ich dieses Problem angesprochen. Bei allen scheint dieses Anliegen gut aufgehoben zu sein. Sie denken ähnlich! Mit den Gemeindegliedern müsste an diesem Thema theologisch gearbeitet werden, damit ein anderes Bewusstsein und eine andere Sicht wachsen kann. Ich denke, diese renovierten Kirchen würden kolossal gewinnen, wenn der "Stein – Tisch" als Altar Eingang finden würde. 

● Dorfvereine: Es ist ein großer Fortschritt, dass viele Dörfer in der Zwischenzeit einen "Dorfverein" oder eine Organisation für das Dorf im Ausland gegründet haben. Diese Vereine sind bestrebt, Projekte im Dorf in gang zu setzen, zu betreuen und zu finanzieren. Die Vereine setzen sich aus ehemaligen Bewohnern der Dörfer zusammen, die in Europa wohnen. Durch diese Vereine ist z.T. eine starke Bewegung in die Dörfer gekommen. Die Unterstützung von außerhalb und von eigenen Leuten ist wichtig. Es wird dabei deutlich, dass es um "ihre eigene Sache" geht. Zugleich wird auch eine neue Nähe und Identifizierung mit dem eigenen Dorf erreicht. Ich denke, es ist eine gute Entwicklung! 

2. Rückkehr und Zurückgekehrte

"Rückkehr" ist seit einigen Jahren das "Zauberwort", das bei vielen Tur Abdinern in Europa ein Umdenken andeutet und zugleich etwas von der veränderten Situation in der Türkei widerspiegelt – die Türkei, die auf dem Weg in die EU ist. In meinem 2. Teil des Berichtes schildere ich gleichsam das Gegenteil; ich deute etwas von der Spannung und der Ambivalenz an, in der m. E. die Situation unbedingt gesehen werden muss. Einerseits ist manches besser geworden, sonst würde es auch keine Rückkehr geben, andererseits ist die Sicherheitslage für die Christen als religiöse und ethnische Minderheit noch längst nicht gut; sie ist instabil und brüchig und kann sehr leicht kippen. Dennoch gibt es Familien, die mit allen Risiken und auch Gefahren den Weg der Rückkehr in ihre Heimat beschritten haben, weil sie "Sehnsucht" nach ihrer Heimat haben. Sie wissen, dass ihre Rechte ihnen zugesagt sind, aber sie sind leider noch längst nicht eingelöst; sie wissen, dass die Rechte ihnen garantiert sind, aber sie sind für sie leider noch längst keine Wirklichkeit.

 Das "Dennoch" des christlichen Glaubens: Dennoch kehren sie zurück. Dieses "Dennoch" hat für mich auch eine starke theologische Dimension und ist auch als Aussage und Zusage unseres Glaubens zu verstehen. In Psalm 72 heißt es in Vers 23 "Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich in Ehren an....wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil". Oder ich denke an unsere gegenwärtige "Jahreslosung" aus Josua 1, an jene Zusage Gottes, sie lautet: "Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht". Unser christlicher Glaube enthält eine ungeheure Kraft, eine "Dynamis", wie Paulus sagt, die auch gegen alle Erfahrungen Halt gibt und nach vorne gehen lässt. Und unser Gott, auf den unser gemeinsamer Glaube gegründet ist, ist ein "Gott des Lebens", er ist ein "Freund des Lebens", wie es in den "Sprüchen" unserer Bibel steht. Mit dieser "Kraft des Dennoch" ziehen die Tur Abdiner, dürfen sie ziehen und kehren sie zurück, ohne dabei jedoch Augen und Ohren zu verschließen und den Verstand auszuschalten, den Gott uns in unser Leben mitgegeben hat. 

Rückkehr in verschiedenen Variationen: In vielen Dörfern traf ich Rückkehrer, die ihren Sommerurlaub in ihrem renovierten oder neuen Haus verbringen bzw. ihr Haus gerade renovieren oder die einige Monate da sind oder Familien, Ehepaare oder Einzelpersonen, die ganz und für immer zurückbleiben, also alle Verbindungen und Beziehungen zu ihrem letzten Wohnort und zu ihrem Land abgeschnitten haben, in dem sie 20 oder 30 Jahre zuletzt gelebt haben. Die Entscheidung will genau und gründlich überlegt und vorbereitet sein. Klar, Rückkehr will und muß immer freiwillig getroffen werden; sie hat es immer auch mit Risiken zu tun, mit Ungewissheit, mit Unvorhergesehenem. Auch Abraham, der Vater unseres Glaubens, wurde einst aus seinem Dorf gerufen und ging ins Ungewisse, wie es in 1.Mose 12 heißt – er ging mit Gottes Hand, die über ihm war. Die Familien in Kafro, in Marbobo, in Invardo, in Kelith, in Idil, in Bsorino, in Sare, in Mydiat und anderswo. haben dieses Wagnis auf sich genommen und können für andere Familien, die sich damit auseinandersetzen, Anstoß und Vorbild sein. 

Probleme der Rückkehr: Damit scheint ein "neues Kapitel" im Tur Abdin aufgeschlagen zu werden und wir hoffen alle, die wir unsere Freunde im Tur Abdin schon lange begleiten und mit ihnen auch durch schlechtere Zeiten gegangen sind, dass dieses Projekt seelisch, kulturell, finanziell und wirtschaftlich gelingt. Es wird sicher nicht einfach sein, sich von neuem zu integrieren, was schon im Ausland, ihrer bisherigen Heimat, gefordert wurde. Nun wird es zum zweiten mal verlangt, dieses mal wieder in ihrer "alten Heimat", in der ihnen so vieles vertraut und doch auch wieder neu ist. Die Kinder und Jugendlichen, die eine neue Heimat bekommen, die ihre FreundeInnnen und ihre Spielmöglichkeiten und vieles andere mehr zurücklassen mussten, werden es besonders schwer haben. Sie werden bei den Familien der Gradmesser für das Gelingen der Rückkehr sein: Werden die Kinder und Jugendlichen sich zurechtfinden in der für sie neuen türkischen Schule, werden sie klar kommen mit der türkischen Sprache, werden sie sich in der neuen Umgebung wohl fühlen und nicht vor Langeweile umkommen, werden ihre Kräfte und Fähigkeiten gefördert, werden sie mit ihren Eltern zusammen die Belastungen und Lasten tragen können, damit das "Neue" sie nicht erdrückt, sondern im Laufe der Zeit erträglich und für sie vielleicht auch schön wird?! Die Eltern wiederum werden sich intensiv um ihre Kinder kümmern müssen, aber auch um das Haus, das noch nicht ganz fertig ist; und dann müssen sie sich auch noch nach einer neuen wirtschaftlichen Existenz umschauen, um ihre Familie ernähren zu können.  

 

Kafro – eine intensive Gemeinschaft: Gut ist z.B. in Kafro, dass hier eine Gemeinschaft zusammenlebt, die zurückgekehrt ist (11 Familien, 14 Häuser und noch einige sind geplant), die sich seit vielen Jahren kennt und verwandtschaftliche Beziehungen aufweist, die zusammensteht und Probleme gemeinsam anpackt und löst. Sie leben nicht für sich, sondern gemeinsam in ihrem ehemaligen Dorf, das 1995 die letzten Bewohner verlassen haben und seitdem leer stand. Nun wurden jenseits der Straße nach Harabale die neuen Häuser, schon von weitem sichtbar, nach Standards des Tur Abdins und des westlichen Auslands gebaut und eingerichtet. "Kafro" steht für mich für Rückkehr, Kafro und Rückkehr sind identisch. Kafro steht für mich für Aufbruch, für Mut, für Wagnis, für neue Wege.

Ich war beeindruckt von den Überlegungen und Planungen, die hinter diesem "Kafro – Projekt" stehen; ich war beeindruckt von der Vision einiger Kafro Leute, die sich nach langer Vorbereitungszeit und entgegen aller Warnungen aufmachten, um ihre Vision mit ihrem Leben zu füllen. Und ich denke, sie sind schon sehr weit gekommen. Und der Schwung ist noch nicht erlahmt, es gibt noch vieles zu tun – im persönlichen und im gemeinschaftlichen Bereich. Als ich das neue Kafro zum ersten Mal sah, wurde ich ganz still und staunte!

 Alle, die dieses Projekt eher pessimistisch beurteilen: zu groß, zu überzogen, nicht zu halten oder ähnliches, sollten einmal mit diesen Kafro Leuten vor Ort sprechen und sich mit nehmen lassen auf diesen Weg, der nun schon einige Jahre Vorbereitungen in Anspruch nahm und jetzt Realität wurde. Sie sollten sich auch nur ein wenig anstecken lassen von der Aufbruchstimmung und von diesem "Dennoch" unseres Glaubens und von dieser Sehnsucht nach ihrer Heimat, die in den Köpfen und Herzen dieser Rückkehrer steckt. Ich denke, dann sieht man vieles plötzlich anders, dann bleibt man nicht am Äußeren der Häuser hängen – mir ist es so gegangen, auch wenn, um ehrlich zu sein, die eine oder andere Frage geblieben ist! Aber Aufbrechen ist immer etwas Schwieriges und leider werden zu aller erst immer – das ist menschlich - die Fragen gesehen statt das Neue, das gestaltet werden will, die "neue Stufe" im Leben, das Nach Hause kommen, der Schwung des Aufbruchs.  

Vernetzung der Rückkehrer: Und ich denke, die Rückkehrer in den anderen Dörfern, die nicht so zahlreich sind wie die in Kafro, werden sich eines Tages mit denen in Kafro zusammenschließen und "vernetzen", um Erfahrungen und Probleme miteinander zu besprechen und gemeinsam ein Stück Wegs zu gehen. Die Gemeinschaft ist wichtig, die Vereinzelung kann alle Kräfte zum Erliegen bringen. "Gemeinsam sind wir stark", eine alte Erfahrung, so sagten es mir die drei Rückkehrer Familien in Marbobo, die zudem noch weit abgelegen sind von den anderen Dörfern – im Süden, an der syrischen Grenze, an der alten "Seidenstraße", fast für sich!Der Weg geht nach vorne, nicht zurück, so wie es in einem Wort Jesu heißt, das ich einigen Kafro Leuten zum Abschied sagte: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist geschickt zum Reiche Gottes" (Lukas 9, Vers 62). So wird Reich Gottes, auch in Kafro gebaut: Mit Mut, mit einem Blick nach vorne, mit gemeinsamer Kraft, mit Händen und Verstand, mit Hoffnung und mit dem Segen Gottes. 

3. Mangel an Geistlichen und Abunas

Mangel an Pfarrern im Tur Abdin: Es gibt gegenwärtig wenig Pfarrer – mein Eindruck war: zu wenige! - für die Gemeinden im Tur Abdin. Viele Gemeinden haben keine seelsorgerliche Begleitung und wenig Gottesdienste, obwohl die Kirchen der Dörfer vielfach renoviert sind und zum Gottesdienst geradezu einladen. Das ist sehr bedauerlich, weil der Tur Abdin nicht nur von seinen vielen historischen Steinen, Gebäuden, Kirchen und Klöstern lebt, sondern vor allem oder zu aller erst von seinen Menschen. Das ist der "Schatz einer Kirche", Menschen zu haben, die in diesen Gebäuden mit leben und sich dort zu Hause fühlen, und dann Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu haben, die in dieser Kirche mitarbeiten. Viele Pfarrer haben vor Jahren ihre Gemeinden verlassen und sind nach Europa gegangen, meist dorthin, wo die meisten Bewohner des Dorfes auch leben. Dort wirkt er als Pfarrer weiter und praktiziert "Kirche in der Diaspora". Und die, die zu Hause, im Tur Abdin blieben? Die konnten nur notdürftig versorgt werden, wenn überhaupt. Nach meinem Dafürhalten, hätte schon sehr früh etwas getan werden müssen, um die Gemeinden nicht ganz pfarrerlos zu lassen. Gut, einige wenige Pfarrer und Mönche müssen sehen, dass sie Gottesdienste in den verschiedenen Kirchen anbieten. Aber dies ist oft auch eine Überforderung, weil viele Pfarrer nicht mehr die Jüngsten sind. 

Fortbildung der Pfarrer und Erwartungen der Rückkehrer an die Pfarrer: Deshalb ist es sehr erfreulich, dass in Bsorino und Sare mit Pfarrer Saliba Erden ein junger Pfarrer in das Amt des Abunas eingesetzt wurde. Er kam mit seiner Familie aus der Schweiz zurück, wo er 20 Jahre lebte und arbeitete. Mancher Gemeinde täte ein solcher abuna gut, der die Gemeinde wieder sammelt und geistlich kontinuierlich begleitet und sich mit den Dorfbewohnern um sein Dorf kümmert. In dieser Hinsicht müsste von der Leitung der Diözese einiges gemacht und unternommen werden, um junge Männer für diesen geistlichen Beruf zu gewinnen, damit der Tur Abdin als eines der ältesten Zentren des christlichen Glaubens nicht eines Tages verkümmert, weil keine Pfarrer da sind, die die Gemeinden anleiten und begleiten. Zugleich wäre ein regelmäßiges Fortbildungsangebot für die Pfarrer im Tur Abdin dringend notwendig. Die Rückkehrer mit ihren Erfahrungen im Westen haben sicher auch besondere Erwartungen und Ansprüche an ihre Geistlichen, die sie führen und leiten sollen. Wie sich die Erfahrungen der Rückkehrer im Tur Abdin auswirken werden, wird abzuwarten sein. Es wäre gut, schon sehr früh mit der Gewinnung von geistlichen Mitarbeitern in der Kirche zu beginnen und sich auch um die Erwartungen der Rückkehrer zu kümmern. 

4. Kloster Mar Gabriel und Kloster Deir el Zafaran

 

Kloster Mar Gabriel: Das Kloster Mar Gabriel, dessen Entwicklung und Aufblühen ich in den letzten 25 Jahren miterlebte, ist nach meinem Verständnis heute in einem hervorragenden Zustand, auch wenn noch immer einiges zu bauen ist. Ob das Kloster jemals an ein Ende kommt, ist ungewiß. Es gleicht einer "Burg und einem Fels", wie es in Psalm 31 heißt. Es gibt viele gute und gelungene und gut überlegte Maßnahmen, die in den letzten Jahren realisiert wurden: Die Renovierung des Gottesdienstraumes, die Theodora Kapelle, die Marien Kirche, die Gästehäuser, die moderne Küche, um die Arbeit der fleißigen Nonnen zu erleichtern, die Imagegroßzügigen Gärten und Obstanlagen und vieles andere. Die hohe und lange Mauer scheint mir fragwürdig und von den Kosten her zu aufwendig und teuer zu sein. Eine etwas niedrigere und nicht so dicke und vielleicht auch nicht ganz so lange Mauer hätte es auch zum Schutz gegen Diebe und Tiere getan.Die Renovierung und Sanierung des Klosters ist das "Lebenswerk" von Erzbischof Timotheos Samuel Aktas und er hat hier sicher mit viel Herzblut "sein Kloster" auf einen modernen Level gebracht, der das Moderne mit dem Alten verbindet. Ob er aber neben dem Aufbau, der Erweiterung und der Renovation des Klosters nicht auch wichtiges zu kurz kommen ließ, möchte ich wenigstens fragen dürfen z.B. die Sorge um die Pfarrer, die spirituelle Arbeit in seiner Diözese, die pastoralen Besuche in den Dörfern, die eigene theologische Arbeit, damit ein geben und nehmen möglich wird. Steine alleine machen die Kirche nicht aus, es sind die Menschen, die darin leben.   

Kloster Deir el Zafaran: Das andere bekannte Kloster ist in der Nähe von Mardin: Deir el Zafaran – die Situation ist ganz anders. Es ist zunächst ein Geschenk des Himmels, dass in diesem Kloster wieder ein Erzbischof amtiert und zudem noch ein sehr dynamischer und junger Bischof Filüksinos Saliba Özmen, der seit drei Jahren jetzt dieses Amt und diese Stelle ausfüllt. Er hat Ideen und Träume und möchte die Bildung für Jugendliche und Erwachsene insbesondere fördern. Sein Kloster gibt eine interessante Zeitschrift "Kurkmo" heraus, mit der er über den Tur Abdin in seiner Diözese, aber auch darüber hinaus weltweit informiert. Das Kloster hat eine webside: www.deyrulzafaran.org – ein weltoffenes Kloster! 

Seit 50 Jahre war hier kein Bischof mehr und in dieser Zeit ist auch kaum etwas gemacht und repariert worden. Der Erzbischof sieht deshalb in der Renovation und in der Erhaltung des Klosters eine seiner wichtigsten Aufgaben. Das Kloster ist tatsächlich in einem z.T. sehr schlechten Zustand: Der Gottesdienstraum, viele Imageschöne Nebenräume, die Küche, die Klosterschule mit der Unterbringung der Jugendlichen (zur Zeit 15 Schüler) – ich habe mir das Kloster genau angesehen. Es liegt in der Zwischenzeit ein Plan vor, der mit einem Architekten baulich und finanziell ausgearbeitet wurde, der nun seine Unterstützer im kirchlichen und politischen Bereich sucht. Mir ist klar, dieses eindrucksvolle Kloster mit z.T. vorchristlichen Spuren muss unbedingt erhalten bleiben und saniert werden. Es bedarf einer Kraftanstrengung von uns Christen, diesem Kloster seinen Platz unter den ganz alten christlichen Klöstern zu erhalten. Aber dies setzt eine gründliche Sanierung voraus. Ich hoffe, es werden sich viele kleine und große Unterstützer und Unterstützerinnen finden! Ich habe den vorliegenden Plan vom Erzbischof mitbekommen. Er kann bei mir angefordert werden! Ich will mich vorrangig für das Kloster einsetzen! 

Besucher in den Klöstern: Beide Klöster haben jährlich einen großen Besucherstrom zu bewältigen. Es ist schön, wenn Christen und Nichtchristen diese Bauwerke aufsuchen, Orte des Gebetes besuchen und auch den kulturellen Wert dieser Orte und Häuser sehen und schätzen. Ältere Jugendliche, die in der Klosterschule waren,  wurden zu Führern ausgebildet und begleiten die Besucher durch die wesentlichen Räume. So sehr natürlich die große Besucherzahl zu begrüßen ist, so sehr bringt sie auch zusätzliche Arbeit mit sich. Wie das im einzelnen aufzufangen ist, wird sicher noch geklärt werden müssen. Auch die vielen Gruppen, die übernachten und im Kloster essen, machen bei relativ geringem Personal viel  Arbeit und vor allem zusätzliche Arbeit. Die Gastfreundschaft dieser beiden, aber auch der anderen Klöster ist nicht hoch genug zu loben! 

Wirtschaftliche Existenz der Klöster: Die Klöster werden sich in Zukunft auch Gedanken über ihre wirtschaftliche Existenz und über ihre Einnahmen machen müssen. Auch bei uns ist jedes Kloster ein "wirtschaftlicher Betrieb", der nicht nur von Spenden und Zuwendungen leben kann. Das ist sicher auf Dauer zu wenig. Wo liegen dann die wirtschaftlichen Schwerpunkte der Klöster im Tur Abdin? Ich habe keine Antwort, ich sehe aber die Notwendigkeit darüber nachzudenken. Und wer verwaltet in Zukunft die  Gelder des Klosters, nicht nur bei den Baumaßnahmen, auch sonst. Das ist sicher nicht Aufgabe des Bischofs. Ich denke, auch in der Syrischen Kirche müsste damit begonnen werden, weltliche und geistliche Aufgaben, spirituelle und finanzielle Angelegenheiten zu trennen. Es kann nicht alles in einer Hand liegen. Das ist eine wichtige, aber auch notwendige Einsicht in unserer theologischen und kirchlichen Tradition des Westens. Und was sich bewährt hat, denke ich, darf man im Zuge des ökumenischen Lernens freundlich einander anbieten. 

● Solidaritätsgruppe: Ich konnte die Gelegenheit in beiden Klöstern wahrnehmen, um die beiden Erzbischöfe und die verantwortlichen Mitarbeiter auf die Änderungen in der Arbeit der "Solidaritätsgruppe Tur Abdin", die seit 1993 besteht, persönlich hinzuweisen. Das wichtigste Ergebnis war, dass die Gruppe weiter bestehen wird, nachdem Überlegungen zur Beendigung der Arbeit diskutiert wurden. Die Solidaritätsgruppe ist für die Klöster und Dörfer dort und für Tur Abdiner hier nach wie vor eine "Anlaufstelle". Die Gruppe wird sich öffnen, so dass neben Themen des Tur Abdins auch andere Themen wie z.B. Christen im Nordirak berücksichtigt werden. Der Kontakt soll zu den Verantwortlichen im Tur Abdin durch Besuche, Briefe, Berichte und Unterstützungen im Rahmen der Möglichkeiten gehalten werden. Die Solidaritätsgruppe wird jetzt von einem Team aus vier Personen (Dr. Shabo Talay, Erlangen - Janet Abraham, München – Kirchenrat Thomas Prieto Peral und Pfarrer i.R. Horst Oberkampf, Bad Saulgau) geleitet und nach außen vertreten.

Hingewiesen wurde von mir auch auf die rückläufigen Spenden in Deutschland und auf die neuen weltweiten Herausforderungen, denen sich die großen Hilfswerke der Kirchen und die Christen stellen müssen. Deshalb kann z.B. der "Sozialfonds", der über 10 Jahre lang regelmäßig von der Solidaritätsgruppe unterstützt wurde, nicht mehr gefördert werden. Lediglich Mittel, die Zweck bestimmt gegeben werden, können nach wie vor weiter geleitet werden.Beide Erzbischöfe und auch die Mitarbeiter in den Klöstern dankten der "Solidaritätsgruppe" für ihren langjährigen Einsatz im Tur Abdin und für ihre Begleitung in guten wie in schwierigen Zeiten. "Ihr wart unsere Freunde, mit denen wir immer rechnen konnten. Wir werden das nicht vergessen", so sagten die Bischöfe übereinstimmend. Sie begrüßten die Fortsetzung der Arbeit, wenn auch reduziert und mit veränderten Rahmenbedingungen. An unsere Kirche und an unsere Freunde soll ich herzliche Grüsse bestellen! 

5. Besuch in Hasankeyf

Ich wollte nochmals in diese alte Stadt Hasankeyf, bevor sie dem Untergang geweiht sein wird. Sie liegt am Tigris. Vor wenigen Wochen war die Eröffnung und der erste Spatenstich für ein gigantisches Staudammprojekt, dem zehntausende Menschen weichen müssen und das viele alte Bauwerke zerstören wird, wenn der ImageStaudamm gebaut und dann geflutet wird. Ich kann mir dies im Augenblick noch gar nicht vorstellen, dass eine mehr tausend jährige Kultur einfach dem Erdboden gleich gemacht wird, nur dass den wirtschaftlichen Interessen einiger großer Firmen und von Politikern genüge getan wird.

Wer in dieser Stadt mit offenen Augen herumläuft und auf den Felsenhügel langsam bergauf klettert, weiß gar nicht, wo er hinschauen soll: Zu den Felsenhöhlen, die in früherer Zeit Wohnungen waren, zu den Kirchen, die noch als Gotteshäuser zu erkennen sind – armenische und assyrische und aramäische - zu den Überresten des alten Kastells, das an den Fels gelehnt und in den Fels gebaut wurde, zu der zerstörten alten Brücke über den Tigris, von der nur noch die Brückenpfeiler den Fluten des Tigris trotzen – wie lange schon und wie lange jetzt noch? – zu den Felsengrotten, in denen heute Cafes, kleine Restaurants und Shops sich befinden – zu den Minaretts der alten Moscheen? Die Augen sind hin und her gerissen! Diese Stadt war gleichsam das Tor zum Norden Mesopotamiens mit vielen Spuren der Assyrer, jenem alten Kulturvolk. Ein Prospekt nennt diese uralte  Stadt einen Ort, an dem "Geschichte und Natur zusammen tanzen" – Wasser, Felsen, Berge, Licht und Winde ergeben ein großartiges Bild und etwas ganz Besonderes, das nun in wenigen Jahren nicht mehr sein soll, weil es vom Wasser zugedeckt und ein für alle Imagemal unseren Blicken entzogen sein wird. Es wird dann nur noch in unserer Erinnerung lebendig sein oder ist in Büchern und auf Fotographien festgehalten.    

Und ich stellte mir vor, dass in diesem ganzen Gebiet einst Christen lebten, die in ihren Gotteshäusern beteten, sangen und auf die Botschaft der Bibel hörten, so wie es im Tur Abdin und an anderen Orten unserer Welt bis heute noch geschieht. Auch das Gebiet vom Kloster Aho, das 20 KM südlich von Hasankeyf entfernt sehr abgelegen liegt und das wir aufsuchten und uns an seinen alten Bögen und Steinen freuten; Teile der Kirche konnten wir noch gut erkennen – auch eines der vielen zerstörten Klöster im Tur Abdin - wenn Steine doch erzählen könnten, dachte ich – auch dieses Kloster wird zu den überfluteten Gebieten gehören, die dann endgültig dem Untergang geweiht sind.  Ökonomie contra Welterbe einer über 4000 jährigen Kultur! Der Grundstein für dieses gigantische Staudammprojekt am Tigris wurde Anfang August gelegt. 55 000 Menschen müssen zwangsumgesiedelt werden, die alte Stadt samt 73 Dörfer werden zerstört. Nicht zu fassen, wie hier mit einem Federstrich eine ganze Kultur ausgelöscht wird, weil die Moderne diktiert, was zu tun ist! Was unsere Nachkommen wohl dazu sagen? 

6. Begegnungen im Tur Abdin

Im Tur Abdin bin ich bei meinen Besuchen in diesen 14 Tagen fantastischen und eindrucksvollen Persönlichkeiten begegnet. Davon will ich in Kürze erzählen und sie wenigstens nennen, so weit ich sie noch nicht erwähnt habe. Alle, die jetzt nicht genannt werden, mögen mir das verzeihen; sie müssten hier auch erwähnt werden, aber die Liste würde bestimmt zu lang werden. 

Ich traf Schwester Maria, die erste Nonne im Tur Abdin und 35 Jahre lang im Kloster Mar Gabriel tätig, jetzt seit einigen Jahren im Kloster Daslibo. Sie strahlte Güte und Menschenfreundlichkeit aus. Ich spürte, hier begegnest du einer Frau, die in ihrem Leben viel für andere gemacht und auch für andere gebetet hat – einfach ein lieber Mensch. Die Melodie Gottes ist im Lauf der Jahre durch sie hindurch geklungen und sie lebt das und gibt es weiter – oft ohne Worte. 

Ich begegnete wieder meinem alten Freund Yususf Begtas, mit dem mich manche Erinnerung der letzten Jahre verbindet. Er arbeitete als Sekretär viele Jahre im Kloster Mar Gabriel und ist jetzt seit 1 Jahr im Kloster Deir el Zafaran. Er denkt politisch, hat einen scharfen Blick für die politische Situation der Christen und für ihre Rechte. Er passt ins Kloster Deir el Zafaran und zum Erzbischof Filüksinos – ein gutes Team. Er will etwas bewegen, bringt viele Erfahrungen mit, kennt sich gut aus, ist zuverlässig und ist anerkannt bei seinen Leuten. 

Die gleiche Aufgabe hat seit einem Jahr Johannes Gülten im Kloster Mar Gabriel übernommen. Er ist ein junger und  zuverlässiger Mitarbeiter - Mitte Ende 20. Er begleitete mich einige male in die Dörfer und informierte mich über manche Kirche und manches Dorf, zeigte mir sehr ausführlich das sanierte Kloster Mar Gabriel. Gemeinsam entdeckten wir ein altes Kloster Mar Barsaumo bei Inwardo, das unterirdisch, ganz im Felsen lag – ein großartiges Bauwerk und ein guter Ort zur Meditation in früheren Jahren. Johannes will dem Tur Abdin treu bleiben, deshalb blieb er im Kloster nach Abschluss seines Studiums. 

◊ Malphono Isa Gülten, der Vater von Johannes, einer meiner Freunde im Kloster Mar Gabriel, den ich am längsten kenne, neben dem Bischof Timotheos. Er geht auf seinen Ruhestand zu, hat Aufgaben abgegeben und gehört doch nach wie vor zu den ganz wichtigen und herausragenden Persönlichkeiten im Kloster Mar Gabriel und im Tur Abdin. Er kennt die Menschen im Tur Abdin, die Dörfer mit ihren Problemen, die Politiker, mit denen das Kloster und der Tur Abdin zu tun haben, er ist ein tief gläubiger und auch ein politischer Mann, ungeheuer kommunikativ und freundlich und hat ein gutes Organisationstalent. Sein Lachen gehört zu ihm, es ist Ausdruck auch seines starken Glaubens. 

◊ Yacob Demir, der Motor und der Kopf von Kafro – er ist nach 25 Jahren Schweiz in den Tur Abdin, in seine Heimat mit seiner Frau Atiye zurückgekehrt. Er hat in dieses Projekt "Kafro "ungeheuer viel an Kraft, an Phantasie und an Geld investiert. Rückkehr ist für ihn wichtig. Es ist wie das nach Hause Kommen nach langer Abwesenheit. Er ist Berater, Repräsentant nach außen und Auskunftsgeber für das "Kafro Projekt". Er hat noch manche Idee in seinem Kopf und will nach vorne Imageblicken, um mit anderen dieses "neue Kapitel" in der Geschichte des Tur Abdin aufgeschlagen zu lassen. Er lebt für mich das "Dennoch" unseres christlichen Glaubens und lässt sich nicht beirren. Trotz Herzinfarkt, den er während der Vorbereitungszeit für Kafro im Tur Abdin erlitt, will er nicht locker lassen, den begonnenen Weg fortzusetzen. Ich denke, solche Menschen sind notwendig, die voraus gehen und andere mitnehmen. "Wir dürfen nicht nachgeben und uns zurückdrängen lassen", war einer seiner Sätze, "sonst haben wir verlore. 

◊ Schwester Hatune, eine syrische Nonne, die im Außendienst, nicht in einer Kommunität lebt, aus Paderborn kommt, in Deutschland Theologie und Psychologie studiert hat, wissenschaftlich arbeitet und ihre Promotion schreiben will, viele Sprachen fließend spricht und eine gute Übersetzerin für mich und andere war, jetzt im Kloster Deir el Zafaran 3 Monate in der Küche und im Kloster mithalf, einen schwer kranken Mann im Kloster als Krankenschwester pflegte und 6 Monate im Jahr in Indien in ihrem "Hilfswerk", einer Stiftung für die Armen in Kerala State tätig ist – eine eindrucksvolle Frau, die durch ihren starken Glauben wahrlich Kraft von oben bekommt, um hier in den Niederungen ihre Aufgaben tun zu können. 

In Arnas habe ich abuna Simon getroffen, ein abuna um die 80 Jahre alt oder mehr, sonst lebt er in Schweden, aber im Sommer war er da und saß mit überkreuzten Füßen im Baptisterium außerhalb der Kirche, die gerade renoviert wurde, freut sich über Besucher und Besucherinnen, redet kurz mit ihnen, strahlt und gleicht vom Äußeren und sicher auch vom Inneren her einem "Heiligen"; die Leute lieben ihn und deshalb kommen sie zu ihm und wollen ein Segenswort von ihm haben; er war früher Pfarrer in Arnas und in benachbarten Gemeinden. 

Nochmals nach Kafro - ich denke an die drei Brüder Demir: Garabet, Israel und Melki, die den Neubeginn mit ihrem know how überlegt und mit Besonnenheit vorantreiben. Die beiden ersten wohnen schon dort, der dritte kommt später. Alle drei kommen sie aus dem Raum Göppingen. Handwerklich fit sind sie alle drei, vom Bau verstehen sie viel – Garabet ist sogar der verantwortliche Bauleiter für viele Häuser in Kafro und in der Region. Er ist inzwischen selbständig und hat sich einen fachlich guten "Bautrupp" aufgebaut. Alle drei arbeiten zielstrebig an der  Realisierung ihrer gemeinsamen Vision und wollen den Menschen im Tur Abdin neue Impulse geben. Melki, der noch Goldschmied in Esslingen sagte: "Ich werde mir in meiner Garage eine Werkstatt einbauen, in dem alles Werkzeug, das wir brauchen, zu finden ist. Es muss gut sein, damit wir auch gute Arbeit bringen können, denn ohne Werkzeug geht nichts!" 

Ehemalige Bewohner von Arbo nahmen mich mit und zeigten mir ihr Dorf, das seit 17 Jahren leer steht und nun einen Aufschwung erleben soll. Sie wanderten mit mir durchs Dorf und zeigten mir ihre Häuser. "Da bin ich zur Schule gegangen", sagte einer, "hier bin ich geboren worden und habe später auch Hochzeit gefeiert", sagte ein anderer. "Hier ist unsere Kirche", sagten sie alle – ein wunderschönes Gebäude, steht aber in Gefahr vollends einzustürzen, wenn nicht bald Abhilfe kommt. Abuna Semun Demir, der aus diesem Dorf stammt und zwei Jahre malphono hier war und seit Jahren in Delbrück in Deutschland Pfarrer ist, sagte: "Nach meiner Rückkehr werde ich ein Projekt zur Renovation unserer Kirche anstoßen und organisieren". Es war ein bewegender und emotionaler Besuch eines leeren Dorfes - nur eine Herde Ziegen und die Vögel wiesen auf Leben hin. Aber es soll anders werden: Sieben Familien wollen zurückkehren und neu bauen und dem ausgestorbenen Ort neues Leben einhauchen. Möge es gelingen!

◊ Abuna Yusuf Akbulut in Diyarbakir
lebt in seinem Gemeindezentrum wie in einem Gefängnis, wie er selber sagte. Er traut sich kaum mehr, sein Zentrum, seine schöne Marienkirche, seine Wohnung und die neu eingerichtete Bibliothek zu verlassen. Er hat Angst vor Beschimpfungen und Drohungen von fanatischen Muslimen, die ihn nicht mögen, seit er 1999 in einem Interview etwas zum Genozid 1915 gesagt hatte, was in türkischen Zeitungen veröffentlicht wurde. Er ist bekannt als christlicher Pfarrer und als jemand, der die Türkei beleidigte, wie sie sagen, der vor Gericht stand und auch noch frei gesprochen wurde – Gott sei's gedankt! Er Imageleidet unter diesem Druck, seine Seele ist belastet und seine Familie leidet mit. Er braucht Zuspruch und Begleitung – der Erzbischof Filüksinos, zu dessen Diözese er gehört – will ihn mindestens einmal im Monat an einem Wochenende besuchen, um ihn und seine "Mini Gemeinde" (3 Familien) zu stärken – und Diyarbakir, das frühere Omid, war einst eine große christliche Stadt; heute sind nur noch Spuren davon zu sehen.

Als wir in die neue Bibliothek gingen, die gut verschlossen ist, da strahlte Yususf Akbulut: Das sind alte Bücher, die in der Erde vergraben waren, damit sie nicht gestohlen werden. Wir haben sie wieder ausgegraben und einigermaßen wieder hergestellt. Er holte einige Bände aus dem Schrank und präsentierte sie uns. Einige Jahrhunderte müssen sie alt sein, sind noch in gutem Zustand, trotz dem Versteck in der Erde. Mir liefen die Augen über – hundert oder mehr große und kleine, dicke und dünne Bände: Evangeliare, Abschriften von biblischen Texten, Berichte über die Geschichte und über Situationen der damaligen Zeit und vieles mehr bergen diese Bücher in sich. Mir liefen die Augen über – das hätte ich an diesem Ort, den ich von früher her kannte, nicht erwartet. Welch ein Schatz ist hier versammelt! Abuna Yusuf sagte noch: Wenn ich traurig bin und meine Belastung zu stark wird, dann gehe ich in diese Bibliothek und lese in den alten Büchern; das hilft mir über den Augenblick hinweg.         

 

 

Die Sicherheitslage im Tur Abdin/

Südost Türkei - instabil und brüchig

Eindrücke von meinem Besuch im Tur Abdin September 2006 

Horst Oberkampf, Solidaritätsgruppe Tur Abdin 
 

zweiter Teil des Berichtes 

 Im folgenden möchte ich zu diesem wichtigen Thema einige Gesichtspunkte aus meiner Sicht formulieren, die m. E. bei Diskussionen und Entscheidungen beachtet werden müssen: 

  1. In dem Urteil vom VGH Giessen vom 22.2.2006 wurde u.a. festgestellt – mit meinen Worten wiedergegeben: Die politischen Verhältnisse im Südosten der Türkei haben sich in den letzten Jahren verändert und den Klägern droht bei einer Rückkehr in ihr Heimatland allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der syrisch orthodoxen Christen keine politische Verfolgung mehr.
    Zitat: "Insgesamt ist ...  festzustellen, dass die Situation der Syrisch Orthoxen Christen im Tur Abdin im Ganzen als weitgehend sicher angesehen werden kann. Die nur noch vereinzelt vorkommenden  Übergriffe können zudem dem türkischen Staat nicht mehr zugerechnet werden...." (S. 11 Urteil vom 22.2.2006 – Hessischer VGH, Dokumentation: 6 UE 2268/04.A). Hingewiesen im Urteil wird auch auf das Rückkehr Projekt Kafro, das eine deutliche Verbesserung der Situation andeutet (S. 10).

Stimmt, aber diese Bewertung ist nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere besagt unmissverständlich, dass die Sicherheitslage für die Christen als ethnische und religiöse Minderheit in der Südosttürkei sehr instabil ist und die Christen ihre Rechte noch längst nicht bekommen haben. Sie wurden ihnen wohl von höchster Stelle damals bei der Einladung zur Rückkehr im Juni 2001 vom damaligen Ministerpräsidenten Bulen Ecevit in Aussicht gestellt und garantiert. Aber Zusage mit Worten und Realisierung mit schriftlicher Garantie sind leider zwei verschiedene Dinge! Hier muss m. E. von der politischen Seite Europas Druck auf die Türkei gemacht werden. Sie darf und kann nicht so mit ihren Minderheiten umgehen, egal wie die Minderheit heißt, und ihnen quasi die Rechte vorenthalten.

  

  1. Ich schrieb noch wenige Tage vor meinem Abflug in die Türkei einen Brief an unseren Bundesaußenminister Steinmeier nach Berlin (3.9.2006), in dem ich ihn über drei Vorfälle der letzten Tage und Wochen (im Monat August und Anfang September) informierte (in Mydiat: Bombe auf das renovierte Haus eines assyrischen Urlaubers – in Hah u. Mydiat: Prügelei wegen Schutzgeldforderung von einem ausstralischen Besucher (Syriani) und ehemaligen Bewohner von Hah in Höhe von 7.000.- $, ausgelöst von einem fanatischen Kurdenclan – in Harabale: Bombe samt Esel in die Luft gejagt). Diese Vorfälle müssen Christen irritieren und Angst einjagen und an der zugesagten Sicherheit schlichtweg zweifeln lassen, da sie verdeutlichen, wie brüchig und instabil die Sicherheitslage und Menschenrechtslage ist.

 Ich schrieb am Schluss in meinem Brief:" Es ist wieder mal sehr deutlich, dass auch die Minderheiten ihre Rechte unbedingt bekommen müssen. Sie müssen ihnen garantiert werden, sonst ist mit einer Rückkehr im Blick auf die Syrischen Christen nicht zu rechnen. Die Bestimmungen für die nicht-muslimischen Minderheiten im Lausanner Vertrag müssen endlich Gültigkeit haben und mit Leben gefüllt werden". 

 

  1. Gegenwärtig ist eines der schwierigsten Probleme die Registrierung der Felder, Weinberge und Häuser der einzelnen christlichen Dörfer im Katasteramt in Mydiat. Oftmals wird rechtmässiger Landbesitz nicht anerkannt, der Staat oder die Kurden haben sich in der Zwischenzeit damit unrechtmässig bereichert. Z.B. werden Weinfelder, die längere Zeit nicht bewirtschaftet wurden von den staatlichen Behörden als "Wald" ausgewiesen und Wald gehört automatisch dann dem türkischen Staat und die Christen können sich dagegen nicht wehren. Auf diese Weise haben Dörfer einen Teil ihres Besitzes unrechtmäßig an den Staat verloren.

Kritisch muss hinzugefügt werden: Die Christen haben mit der Registrierung zu spät begonnen bzw. hätten dies vor ihrer Flucht machen müssen – aber wer dachte damals schon an eine Rückkehr?! Da war wohl anderes wichtiger! 

 

  1. In Kafro, dem bekannten Rückkehrer Dorf gehört es schon fast zur "wöchentlichen Tagesordnung", dass Soldaten 2 Km vor dem Dorf abgesetzt werden, um den Rest ihres Weges bis zur militärischen Station in Harabale in der Dunkelheit zu Fuß zurückzulegen. Auch bei verschiedenen Besuchen in den Dörfern der Izlo Berge (Sederi, Badibe, Harabemischka, Ihwo) sind uns in größter Hitze marschierende Soldaten begegnet, deren Wege außerhalb der Dörfer, aber doch in ihrer Nähe vorbei gingen Die dort wohnenden Christen fragen sich - und ich frage genauso - was soll das und was hat das zu bedeuten? Sie empfinden es als grosse Störaktion, die ihnen Angst einjagen soll. Die militärische Präsenz ist immer noch eine der großen Unruhestifterinnen in der Region. Das Militär will zeigen, wer hier die Macht hat und wer sagt, wo es entlang geht. Mit dieser provokativen Realität müssen die Christen dort leider ständig leben!
 
  1. Während meines Besuches im Kloster Mar Gabriel besuchte am Dienstag, 12. September eine hochrangige türkische Delegation den Tur Abdin - der türkische Beauftragte für Menschenrechte Mehmet Elkatmiş aus Ankara, einige Parlamentarier, der Vali von Mardin, Militär, Polizei, Geheimdienst. Sie besuchten einige Dörfer im Tur Abdin (Bothe, Inwardo, Kafro und das Kloster Mar Gabriel). Sie wollten sich dabei über die Probleme von Erzbischof Timotheos Samuel Aktas aus dem Kloster Mar Gabriel und von Erzbischof Filüksinos Saliba Özmen aus dem Kloster Deir el Zafaran und von anderen informieren lassen.

Zugleich zeigten die Tur Abdiner natürlich auch einiges von ihrer alten Kultur. Die Syriani übergaben der Delegation in Ankara eine "Problemskizze" aus der Sicht der Tur Abdiner. Am Abend erzählten sie u.a.: Die Zeit war viel zu kurz, um die Imagevielschichtigen Probleme anzusprechen und sie konnten nicht sagen, was sie sagen wollten und was letztlich der Wahrheit entspricht. Man empfand einen regelrechten psychischen Druck, der immer dann entsteht, wenn zu diplomatisch und nicht wahrheitsgemäß gesprochen werden muß. Wer den Mund zu weit aufmacht und die Wahrheit sagt, muss dafür büssen – er und seine Freunde. Das ist leider immer noch Realität in der Südost Türkei. Erzbischof Timotheos Samuel Aktas gab mir die "Problemskizze" mit, die der Menschen-rechtsbeauftragte bekam; sie ist türkisch abgefaßt. Der Text wird gegenwärtig übersetzt. Dann kann und darf er weitergegeben werden. 

 

 

  1. Der junge Pfarrer in Bsorino Abuna Saliba Erden, der mit seiner Familie zurückkehrte und seit einem Jahr in seinem Dorf als Pfarrer wirkt und vorher 20 Jahre in der Schweiz arbeitete, erzählte mir u.a., welche Probleme ihm beim Bau seines Hauses gemacht wurden. Normalerweise gibt es keine Probleme, wenn jemand ein Haus baut, aber ihm als Rückkehrer und neuen Pfarrer wurden ständig Steine in den Weg gelegt. Er musste sechs Mal zum Vali nach Sirnack fahren, bis er endlich die Erlaubnis und Zusage hatte. Auf meine Frage, wie das zu verstehen sei, antwortete er: Die türkischen Behörden wollten verhindern, dass ein Pfarrer in dieses Dorf zieht; sie wollen uns Christen das Leben so schwer wie möglich machen statt uns entgegenzukommen und uns zu helfen. Auch eine Realität! 

 

  1. Zu seinem Seelsorgebereich gehört auch das Dorf Sare, das vor zwei Jahren in die Schlagzeilen geraten war, auch im Fernsehen bei uns kamen Sendungen darüber. Die Christen hatten vor Jahren ihr Dorf verlassen und sind nach Europa gezogen. Vor zwei Jahren wollten sie zurückkehren, wenigstens ein Teil der ursprünglichen Bewohner. Das Dorf war in der Zwischenzeit von 30 kurdischen Dorfwächtern und ihren Familien besetzt. Es kam zu heftigen Streitigkeiten zwischen ursprünglichen Besitzern und den jetzigen Bewohnern. Erst durch den Einsatz von deutschen Menschenrechtsorganisationen (Hoffnungszeichen und Gesellschaft für bedrohte Völker) und dem persönlichen Einsatz des türkischen Vali in Sirnack wurden die Kurden zum Gehen veranlasst. Sie hinterließen Spuren der Verwüstung und bekamen von den Christen noch eine hohe Summe Geld. Die Christen mussten gleichsam ihr Dorf und sich selbst frei kaufen! Was ist das für ein System?!

 Die Auseinandersetzung geht aber leider weiter, es ist noch längst keine Ruhe eingetreten: Die Kurden, die in einem Nachbardorf wohnen, haben im letzten und in diesem Jahr die Weinfelder und Obstbäume rund um das Dorf angezündet. Das Dorf ist jetzt von einem breiten Gürtel verbrannter Erde umgeben. Es wird Jahre dauern, bis Weinreben und Obstbäume wieder so weit sind, dass sie blühen und Früchte tragen können. Die Christen dieses Dorfes sind an den Grundlagen ihrer wirtschaftlichen Existenz getroffen. Die Christen sind wütend, was nur zu verständlich ist!  

  1. Ich besuchte eine Familie in Harabale, die im Juni 2006 aus Eschwege abgeschoben wurde. Ich liess mir ihre Abschiebung erzählen. Es handelt sich um die Familie Aytekin, die drei Jugendliche hat. Die 15jährige Tochter Maria wurde aus der Schule mit Handschellen abgeführt – wie eine Verbrecherin, sagte sie mir! Was wird in den Köpfen ihrer Mitschülerinnen und ihrer Lehrer vorgegangen sein? Sie ist nun in Harabale und weiß nicht, was sie dort tun soll. Sie war noch nie in diesem Dorf, das nun auch ihr Dorf werden soll.  Der älteste Sohn Benjamin (22 J.) hatte gerade seine Prüfung in der Schule fertig und wollte an der Fachhochschule studieren. Jetzt ist er beim türkischen Militär in Izmir und hätte doch so gerne sein Studium Imagegemacht. Der zweite Sohn, Sami (19 J.) ist in der Klosterschule im Kloster Deir el Zafaran untergekommen und wird in der türkischen Schule voraussichtlich noch zwei Jahre zu absolvieren haben. Die Familie wohnt in einem Raum, der ihnen von den Großeltern zur Verfügung gestellt wurde. Ihr Haus ist zerstört. Sie wissen nicht, wie ihr Leben weitergehen wird. Ich schämte mich für die entwürdigende Abführung der Tochter.     

 Hinzukommt: Immer wieder ist bei uns zu hören: Wir "vergreisen" in Deutschland und brauchen junge, aktive, ausgebildete junge Leute. Hier hätten wir drei gehabt, aber sie wurden abgeschoben. So wird es vermutlich bei anderen Familien auch sein, wenn sie mit ihren Kindern abgeschoben werden sollten. Viele Kinder der Syrer sind in der Schule sehr gut; sie sind fleißig und sehr aufgeschlossen und weisen gute Ergebnisse vor. Warum können sie nicht hier in Deutschland weiter machen, wenn sie es wollen? Wird das unser Land nicht verkraften? Christen sind zu Christen gekommen, sagen sie - und machen nun diese Erfahrungen! 

 

 

 

Anmerkung: Ich hörte noch kurz vor meinem Abflug in den Tur Abdin, dass Christen aus Deutschland in den Tur Abdin abgeschoben werden sollen. Ein Freund schickte mir eine Meldung aus der türkischen Presse. Ich wurde bei meinen Besuchen in den Dörfern, in denen sich auch viele syrische Urlauber aus Deutschland aufhielten, mit dieser Nachricht immer wieder konfrontiert. Ich weiß nicht, welcher Wahrheitsgehalt in dieser Nachricht steckt. Ich weiß nicht, wer das beschlossen hat und wo es veröffentlicht wurde. Klar ist, dass diese Nachricht für große Unruhe in Deutschland und im Tur Abdin sorgt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die gegenwärtige Sicherheitslage es nicht zulässt, dass Christen aus dem Tur Abdin aufgefordert werden, in ihre Heimat zurückzukehren – Rückkehr ist zudem immer auch eine freiwillige Entscheidung, so sehen es auch die Kafro Rückkehrer. Wer sagt, in der Türkei sei alles zum besten bestellt, der sieht nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere verschweigt er oder er will sie nicht wahrhaben! 


 

  1. Einer meiner bewegendsten Besuche war bei abuna Yususf Akbulut in Diyarbakir (vgl. auch im ersten Teil meines Berichtes S. 8). Ich war bei ihm mit Erzbischof Filüksinos Saliba Özmen aus Deir el Zafaran. Yusuf Akbulut wurde im April 2001 in einem von Menschenrechtsorganisationen, von Politikern, von der Deutschen Botschaft in Ankara und Assyrern und Syrianis aus Europa sehr beachteten Prozess frei gesprochen. Ihm war zur Last gelegt worden, in einem Interview über den Genozid 1915 geredet zu haben. Seitdem ist er bekannt, weil in der türkischen Presse und im Fernsehen darüber berichtet wurde.

    Ich hatte bei meinem Besuch den Eindruck, dass es Yusuf Akbulut nicht gut geht. Er erzählte: Ich verlasse kaum noch mein Gemeindezentrum, das mit einer hohen Mauer und Tür umgeben ist. Es ist für mich zu gefährlich. Mir werden schlechte Worte nachgerufen, ich sei ein Ketzer, ich hätte gar keinen Glauben und dein Haus ist ein "Haus des Satans". Kürzlich besuchte uns eine Gruppe von jungen kurdischen Erwachsenen, sagte er, die unsere Kirche sehen wollte. Meine Frau machte auf und sie gingen Zigarette rauchend in Imageder Kirche umher. Das verletzte unsere religiösen Gefühle. Als ich dazu kam – ich war am Anfang nicht da - sagten sie mir: Du wirst auch bald das gleiche Schicksal haben, wie der Pfarrer in Trabzon, der erschossen wurde. Wir werden dich "klein machen", wir werden dafür sorgen. Sie gingen wieder und beschimpften mich noch. Ich verständigte die Polizei. Die sagte nur: Warum hast Du nicht einen erschossen? Das kann ich nicht und das werde ich auch nicht tun, erwiderte ich. "Ich bin hier, um Frieden zu stiften", so Yusuf Akbulut.  Das war also die ganze Reaktion der Polizei! Schlimm! Als ob die Polizei unausgesprochen das Vorgefallene noch unterstützt!

    Yusuf Akbulut ist starkem psychischen Druck in seiner Situation ausgesetzt, wie kaum ein anderer Pfarrer im Tur Abdin. Er muß mit Beschimpfungen und Verunglimpfungen des christlichen Glaubens und seiner Person leben, die auf ihn abgeladen werden und was noch schlimmer ist: Er muß mit Morddrohungen leben! Hinzu kommt noch, dass eine  Kirche in der Nachbarschaft der Syrischen Kirche ist: Eine Evangelische Kirche – sie setzt sich aus konvertierten, missionierten Kurden zusammen. Eine Evangelikale Gruppierung arbeitet hier unter der mus-limischen Bevölkerung.
     

    Für mich ist die Präsenz dieser Kirche eine Provokation für die Syrische Kirche, zumal die Syrer dann auch noch einen Teil der "Schläge" von der Bevölkerung, die eigentlich dieser Kirche gelten, ab- bekommt. Das kann doch wahrlich nicht Jesus- und Gott gewollt sein, in dieser aufgeladenen Atmosphäre und in dieser belasteten Situation, im Namen Jesu Christi Menschen zu missionieren und zur Konversion zu veranlassen. Ich konnte nach meinem bewegenden Besuch bei Yusuf Akbulut diese Kirche nicht besuchen – es fiel mir zu schwer! Meine Informationen habe ich von meinen Freunden bekommen.Es soll genügen – ich breche ab und fasse zusammen!  

Zusammenfassung

Die Situation in der Türkei stellt sich mir wie folgt dar: Auf der einen Seite ist die Situation in der Türkei für die Christen besser geworden. Deshalb ist die Rückkehr von etlichen Familien und die Renovierung von Häusern und Kirchen möglich geworden. Auf der anderen Seite sind fehlende Sicherheit und Angst Realitäten. Die Sicherheitslage ist sehr instabil und brüchig. Das kann nicht wegdiskutiert und geschönt werden.  

Ich habe die Situation im Tur Abdin im September 2006 sehr ambivalent und in der oben beschriebenen Spannung erlebt. Die Rahmenbedingungen in der Türkei haben sich leider nicht wesentlich gebessert und verändert, auch wenn dies nach außen hin so aussieht. Dies wurde mir in vielen Gesprächen von meinen Freunden bestätigt und mit auf den Weg gegeben. Einer meiner christlichen Gesprächspartner verwendete ein sehr drastisches, aber sprechendes Bild: In der Türkei ist es so wie mit einer Gardine: Man sieht, was vor der der Gardine abgeht; aber was sich dahinter abspielt, wird nicht gesehen oder wird nicht zur Kenntnis genommen und das ist oftmals das entscheidende! 

Ich denke, gegenwärtig muss von einer Abschiebung unbedingt abgesehen werden. Die Situation muss für Christen wesentlich sicherer sein. Die Polizei und die Behörden müssen der kleinen Minderheit der Christen in ihrer ursprünglichen Heimat wirklichen Schutz und ein deutliches Recht zum Leben geben. Auch im Türkei Fortschrittsbericht von 2005 werden noch viele Defizite beklagt. Umgang mit den Minderheiten, Religionsfreiheit und Menschenrechte sind noch längst nicht so weit gekommen, dass man von echten Fortschritten sprechen könnte.  

 

Die Auswirkungen der von vielen Islamisten sicher falsch verstandenen "Papstrede" im September in Regensburg – sie war das Top Thema in jener Zeit in der türkischen Presse, wie Freunde mir vor Ort sagten – jener Rede/ Vorlesung, die von fanatischen Muslimen eben so verstanden wurde, wie sie es wollten und wie es ihnen passte, das wird auch die Christen im Tur Abdin treffen und zu schaffen machen, genauso wie das schon bei dem "Karikaturen Streit" vor einigen Monaten bei den Reaktionen in Mydiat und in Diyarbakir der Fall war. Ich bin froh, dass die angebotene Entschuldigung von Papst Benedikt XVI. von namhaften Muslimen in Deutschland und auch der Türkei angenommen wurde. Gespannt dürfen wir alle auf seinen Türkei Besuch im November 2006 sein. Das Gespräch zwischen Christen und Muslimen scheint doch wieder schwieriger zu werden. Anscheinend muss jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden, weil es fanatische Muslime bewusst missverstehen könnten oder wenn es in ihre religiöse Ideologie und in ihr Denken nicht passt oder ihrem Denken widerspricht.

 

Und die Syrischen Christen im Südosten der Türkei, im Tur Abdin bekommen oftmals sofort die Auswirkungen entsprechender Aussagen und Aktionen zu spüren, obwohl sie dabei überhaupt keinen Finger gerührt oder irgendein Wort verloren haben. Sie sind Christen und sind deshalb in die Gesamtverantwortung involviert, egal wer von der weltweiten und differenzierten Christenheit etwas gemacht hat. Deshalb sind sie Zielpunkt von entsprechenden Reaktionen, die in der Wahl der Mittel vielfach völlig unverhältnismäßig sind.

 

 

gez. Horst Oberkampf   
Solidaritätsgruppe Tur Abdin,
Bad Saulgau

2. Oktober  2006 

verantwortlich:  Pfarrer i.R. Horst Oberkampf, Solidaritätsgruppe Tur Abdin,  Kaspar Koler Weg 13, D – 88348 Bad Saulgau  Tel.: 07581 – 506940  -  Fax: -/ 506941  Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst    Internet: http://www.nordirak-turabdin.info

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                                                 Karte vom Tur Abdin

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