Aktuelle Situation der Christen und Christinnen im Nordirak - Texte mit Bildern Jan. u. Febr. 2010
Die folgenden Texte, Informationen und Bilder gehören zu einem Vortrag, den ich im Januar und Februar in der Akademie Boldern/ SWchweiz gehalten habe. Die Bilder und einige Texttafeln waren in einer power point präsentation eingebaut. Es geht um die aktuelle Situation und über die Entwicklung in den letzten Jahren nach dem Krieg 2003.
Kurze Einführung in den Vortrag „ Aktuelle Situation der Christen im Nordirak“ in der Akademie Boldern/ Schweiz Januar und Februar 2010
Horst Oberkampf
Unser Blick geht jetzt in den Nordirak in eine Region, in der schon immer Christen lebten. Den Christen dort geht es gegenwärtig nicht gut!
In den letzten 30 Jahren mussten die Menschen im Irak drei verheerende Kriege verkraften, in denen hunderttausende Menschen ihr Leben verloren und in denen Hunderttausende physisch und psychisch verletzt wurden – es war eine schlimme Leidenszeit : Der erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran – Der zweite Golfkrieg im Jahr 1991, bei dem es u.a. um die Befreiung von Kuweit ging – Der dritte Krieg im Jahr 2003.
Im März 2003 war der Krieg, den Präsident Georg W. Busch zu verantworten hat. Ohne Mandat der UNO und gegen alle völkerrechtlichen Bestimmungen fiel er im Irak ein. Ziel war der Sturz des irakischen Diktators und seiner Regierung, was ihm auch gelang. Am 10. April 2003, also nach drei Wochen war der Krieg offiziell zu Ende. Aber der Krieg war nicht zu Ende, er wurde mit anderen Mitteln fortgesetzt. Aus den Befreiern wurden, je länger sie da waren, Besatzer, die durch ihr Verhalten und Auftreten oft den Hass und den Widerstand der Bevölkerung auf sich gezogen haben.
Es war die Zeit, in der der Irak in einem Bürgerkrieg zu versinken drohte. Es war die Zeit von hunderten vonAnschlägen und grausamen Selbst-mordattentaten. Es war die Zeit, in der im Irak chaotische Zustände herrschten. Keine Sicherheit war mehr gegeben und niemand fühlte sich verantwortlich.
Die Shiiten griffen die Sunniten an, die Sunniten die Shiiten, radikal islamistische und terroristische Gruppen trieben ihr Unwesen, zerstörten und nahmen keine Rücksicht auf das Leben anderer. Gewalt und Intoleranz bestimmten den Alltag der Menschen. Es war die Zeit von Abu Ghuraib, dem grässlichen Gefängnis für politische Gefangene in Bagdad, in dem auch etliche Amerikaner sich leider von einer ganz unmenschlichen Seite zeigten. Diese ekelhaften Bilder prägten sich tief in das Gedächtnis der Araber ein, aber auch der Weltöffentlichkeit.
Es war die Zeit, in der die ethnischen und religiösen Minderheiten ihren Leidensweg gehen mussten: Assyrer, Chaldäer, Syrer, Armenier, Yesiden, Shabaks, Mandäer und andere. Vor allem die Christen – die Assyrer, Chaldäer, Syrer u. Armenier hatten darunter zu leiden. Hinzukam, dass sie auch noch den gleichen Glauben hatten wie die Amerikaner. Die radikalen und terroristischen Gruppen, die im Irak in dieser Zeit das Sagen hatten, machten keinen Halt vor denen, die sich nicht wehren konnten.
Das Leben der anderen zählte nichts. Christen wurden als Ungläubige bezeichnet. Sie wurden aufgefordert, Muslime zu werden. Frauen sollten sich kleiden wie Muslimas, also verschleiern. Taten sie es nicht, konnten sie auf der Straße hingerichtet werden. Christen wurde ihre Heimat streitig gemacht. Sie hätten hier kein Recht zu leben. Und die Christen gehören zu den ältesten Minderheiten im Irak. Assyrer z.B. blicken auf eine über 4000 jährige Kulturgeschichte und gehören sicher zu den „indigenen“ Gruppen im Irak.
In dieser schrecklichen Zeit wurden Christen entführt, wurden gequält, gedemütigt, verhöhnt. Wenn ihre Angehörigen die geforderte Lösegeldsumme bezahlen konnten, kamen sie wieder frei, ansonsten wurden sie ermordet. Zettel wurden an die Türen der Christen geheftet, auf denen stand: „Ihr seid die nächsten“, wenn ihr nicht geht. Viele wurden durch diese grausamen Erfahrungen traumatisiert, vor allem auch viele Kinder und Jugendliche.
Die Kirchen der Christen wurden angegriffen und zerstört. Bis heute sind über 60 Kirchen in Mosul und Bagdad und Kirkuk zerstört worden. In der Zeit von 2003 bis heute verloren knapp 2000 Christen ihr Leben,; sie wurden getötet, wurden ermordet oder regelrecht hingerichtet. Zehntausende, ja Hunderttausende Christen flohen aus Bagdad und Mosul in die benachbarten Länder und in den Norden des Irak, nach Irakisch Kurdistan und in die sog. Nineveh Ebene, ein altes Siedlungsgebiet der Assyrer, nordöstlich von Mosul gelegen. Es ist weltweit der größte Exodus von Christen aus ihrer Heimat.
Wer steckt hinter diesen Anschlägen auf die Christen? Niemand weiß es genau. Es sind vermutlich Angehörige radikal islamistischer Gruppen, es sind kriminelle und terroristische Gruppen, die Kontakte zu El Kaida haben, es sind enttäuschte Muslime, die heute noch ihrem Diktator Saddam nachtrauern. Es müssen Menschen sein, die einen abgrundtiefen Hass auf die ethnische und religiöse Minderheit der Christen haben.
Ich mache einen Zeitsprung in das Jahr 2010! Die Einschätzung der gegenwärtigen Situation im Irak insgesamt ist sehr unterschiedlich. Die einen betonen, die Situation hätte sich beruhigt, Gewaltmaßnahmen werden weniger, Sicherheit nimmt zu, das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen wird besser und ist auf einem guten Weg. Die anderen behaupten das Gegenteil: Die Situation ist nach wie vor instabil, auch wenn Gewalt gegen Zivilisten und z.B. gegen Christen nicht mehr so angewandt wird, wie das in den letzten Jahren und Monaten der Fall war.
Was wir aber fest halten müssen: Die Situation ist nach wie vor sehr angespannt, vor allem in den Brennpunkten wie Mosul und Bagdad. Die letzte Nachricht, die ich bekam über vier Angriffe auf Christen, stammen aus diesem Monat und waren in Mosul. Im Dezember bekamen wir eine Nachricht, dass wieder Kirchen zerstört wurden. Es geht immer noch weiter!
Die Angst ist noch längst nicht verschwunden, die Sorge um das eigene Leben und das seiner Lieben ist nach wie vor groß, die Sicherung der eigenen Existenz durch Arbeit und Verdienst steht auf ganz wackeligen Füßen. In den Nordirak sind etwa 60 000 Christen geflohen. Die „Vertriebenen“ und „Flüchtlinge“, die ihre Heimat verlassen haben oder verlassen mussten, sind nach wie vor eine Herausforderung, vor allem auch im Nordirak. Hilfe und Unterstützung ist nach wie vor gefragt.
Im Februar 2009 fand im Libanon eine Tagung von Vertretern der Kirchen im Irak statt. Der Weltrat der Kirchen hatte diese Veranstaltung ermöglicht. Dort bekräftigten Kirchenführer und Vertreter verschiedener Kirchen aus dem Irak ihr Engagement, sich gemeinsam mit allen andern irakischen Bürgern für Versöhnung und Friedensaufbau im Land einzusetzen. Sie sagten u.a. „Die bestehenden Verhältnisse im Irak können nicht dadurch verbessert werden, dass immer mehr Menschen das Land verlassen“. Weiter hieß es dort: „Christen gehören seit der Geburtsstunde der Nation zum Irak und haben das Recht, in diesem Land in Freiheit zu leben und die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen Bürger zu haben“.
Die teilnehmenden Erzbischöfe riefen die irakischen Christen auf, „in ihrem Heimatland zu bleiben und sich aktiv am Wiederaufbau und an der Entwicklung des Landes zu beteiligen".
Die Kirchen im Westen wurden dazu aufgerufen, „nicht zur Migration und Wiederansiedlung von Flüchtlingen außerhalb des Irak zu ermutigen“, sondern sich vielmehr „dafür einzusetzen, dass Sicherheit und Stabilität im Irak für alle Iraker wiederhergestellt werden“.
Ich breche hier ab! Die knappen Informationen werden jetzt durch einige Bilder verdeutlicht. Die Kommentare zu den Bildern fallen leider nur stichwortartig aus. Sie sind zwischen einige Bilderblöcke eingestreut; weitere Informationen stehen in der "Einführung" oben.
Tigris (1)
Landkarte Naher Osten (2)
Politische Karte Irak (3)
Nineveh Ebene (4)
Prophet Nahum (5)
Sein Grab in Alqosh (6)
Gebirge (7)
Bischofskirche (8)
Zu welchen Kirchen gehören die Christen im Nordirak? 1. Kirche des Ostens (Heilige Apostolische Kirche des Ostens/ assyrische Kirche) 2. Chaldäisch Katholische Kirche 3. Syrisch-orthodoxe Kirche 4. Syrisch Katholische Kirche 5. Armenisch Orthodoxe Kirche
Die Christen sind eine religiöse und ethnische Minderheit. Sie führen sich, ethnisch gesehen, auf die Assyrer, Chaldäer, Syrer zurück. Sie sind ein Volk, eine Nation und haben eine Sprache (Aramäisch) und den gleichen Christlichen Glauben, wenn auch in unterschiedlichen Traditionen. Heute leben im Irak noch etwa 500 000 Christen; im Jahr 1991 waren es noch etwa 1,2 Millionen (alle Zahlen sind geschätzte und keine exakten Zahlen!).
Der August 2004 war für die Christen im Irak ein "trauriges Datum": Christen sind seit August 2004 bis auf den heutigen Tag verstärkt Zielscheibe von Angriffen extrem islamistischer und terroristischer Gruppen. Von 2003 - 2009 haben knapp 2000 Christen ihr Leben im Irak verloren.
Im August wurden die ersten Kirchen in Mosul und Bagdad zerstört - bis heute sind es über 60 Kirchen. Christen fliehen zu Zehntausenden nach Syrien, Jordanien und in den noch sicheren Norden.
Gottesdienst (9)
zerstörte Kirche (10)
Angriffe auf Christen (11)
Trauergottesdienst (12)
Flüchtlinge (13)
Küche (14)
Wohnung (15)
Hawresk (16)
Die "Internal displaced people" IDP (Inländisch Vertriebene) sind gegenwärtig immer noch eine der größten Herausforderungen im Norden des Irak (in Irakisch Kurdistan und in der Nineveh Ebene). 60 000 Christen sind als Flüchtlinge vor allem aus Bagdad und Mosul in den Norden geflohen. Gründe für die Flucht sind: Angst, Unsicherheit, psychischer Druck, Angriffe usw.
Wir arbeiten seit Jahren mit zwei Hilfsorganisationen zusammen:
1. Christian Aid (CAPNI Christian Aid Programm Northern Iraq) - mehr ein kirchlich christlicher Ansatz
2. Assyrian Aid Society (AAS) - mehr ein kultureller, politischer Ansatz
Was wurde gemacht, wo sind wir dran? Beispiele von Projekten in Dohuk und Umgebung, in Erbil und in der Nineveh Ebene in folgenden sechs Bereichen: Medizische Versorgung (1.) - Humanitäre Hilfe/ Nothilfe (2.) - Landwirtschaft (3.) - Bildung (4.) - Frauen und Kinder (5.) - Wiederaufbau zerstörter Kirchen (6)
neues Hawresk (17)
Die Ärztin Dr. Haifa (18)
Mobile Klinik CAPNI (19)
Medikamente (20)
Zahnarzt Klinik (21)
Apotheke AAS (22)
Viele warten (23)
Verteilung (24)
Er freut sich (25)
Frauen helfen mit (26)
Schafzucht (27)
Traktoren (28)
Ausbildung (29)
Internat von AAS (30)
Ausbildung (31)
Frauen u.Kinder (32)
Vortrag (33)
Seminar (34)
Kindergarten (35)
Baumpflanzung (36)
Wiederaufbau (37)
Kurdische Politiker (38)
Mr.Sargis Aghojan (39)
Nineveh Tor (40)
Werden die Christen im Nordirak bleiben oder flüchten? Die Gespräche mit Politikern und Kirchenvertretern im Nordirak machten deutlich: Die Christen gehören zu uns. Sie können im Nordirak und in der Nineveh Ebene mit den Kurden leben.
Die Forderung der weltweiten ökumenischen Familie muss sein: Das Urland der Christen darf nicht aufgegeben werden; es ist die Heimat der Christen!
Das hat zur Konsequenz: Eine Unterstützung der Christen ist über eine längere Zeit nötig. Nothilfe und Hilfe zur Selbsthilfe müssen im Vordergrund stehen. Die Politik und die Kirchen sind aufgerufen, hier zu helfen.
Eine politische Forderung wird sein: Die "Nineveh Ebene", ein altes Siedlungsgebiet der Assyrer, soll für die Christen als "Selbstverwaltungs- zone" ausgewiesen werden.
Wandmalerei (41)
Assyrischer Junge (42)
Assyrer (43)
Assyrerin (44)
Shlomo! (45)
ermordeter Erzbischof in Mosul(46)
Trauer im Irak (47)
Mein Buch (48)
Kloster St. Matthew (49)
Brücke in Zakho (50)
Brot backen (51)
Tigris (52)
Ein Wort zum Schluss von Carl Friedrich von Weizsäcker,
Physiker und Philosoph:
MAN KANN IN DIESER WELT, WIE SIE IST,
NUR DANN WEITERLEBEN, WENN MAN ZUTIEFST GLAUBT,
DASS SIE NICHT SO BLEIBT, WIE SIE IST,
SONDERN WERDEN WIRD, WIE SIE SEIN SOLL.
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 28. Januar 2010 )