Nach der letzten Jahrestagung der "Solidaritätsgruppe Tur Abdin/ Nordirak" 2./ 3. März 2007 schrieb ich folgende Überlegungen auf.
Bad Saulgau, 9. März 2007
WIR WERDEN NICHT MEHR SCHWEIGEN!
eine Meditation danach
- für meine assyrischen, chaldäischen, syrischen Freunde und für alle,
die es hören wollen - von Horst Oberkampf
Die Tagung ist zu Ende! Es war die 15. Jahrestagung seit Bestehen der Solidaritätsgruppe Tur Abdin. Es war eines der eindrücklichsten Treffen, dachte ich, als ich mit dem Zug wieder nach Hause fuhr. Die beiden Gesprächspartner, die wir eingeladen hatten, haben uns beflügelt. Sie haben uns neuen Schwung unter unsere Flügel gegeben. Erzbischof Philoxenos Saliba Özmen von Deyrulzafaran, vom Kloster Zafaran bei Mardin und Nuri Kino, Journalist und Filmemacher aus Schweden haben uns mit ihren Worten, ihren Visionen und ihrer Menschlichkeit getroffen. Sie haben uns betroffen gemacht. Haben uns Anstöße und Hoffnung gegeben. Es ist ja immer wieder wichtig und notwendig, sich gegenseitig Mut zuzusprechen und sich gegenseitig in seiner Arbeit und in seinem Einsatz zu bestärken, um nicht nachzulassen und den Mut nicht zu verlieren. Sich vergewissern, dass wir nicht alleine sind, sondern dass viele dazu gehören, lässt dann ermutigt und gerne wieder weitergehen.
Nun sind wir wieder zu Hause! Jeder und jede ist wieder dort, wo er herkam, wo er wohnt und wo er mit anderen seine Wege geht. Was ist geblieben von unserer Tagung? Der Gesamteindruck, die Begegnung mit vielen Menschen, ein Gespräch, eine bestimmte Aussage, die Freude über die Gemeinschaft mit Assyrern, mit Tur Abdinern, mit Menschenrechtsaktivisten, mit Freunden und Freundinnen von der Solidaritätsgruppe, mit Interessenten und unseren Referenten, die uns ja ganz nahe waren und ihre Zeit mit uns teilten? Was ist geblieben? Jeder und jede wird persönlich darauf antworten müssen, weil jeder seine und ihre Jahrestagung erlebte, natürlich unter und mit vielen zusammen. Berührt wurde hoffentlich jeder und jede auf seine und ihre Weise. Einen Anstoss möchte ich für mich aufgreifen und weiter meditieren – einen Anstoss, der mir wichtig war und der mich und hoffentlich auch andere weiter begleiten wird. Er ist mir deshalb wichtig, weil er Assyrer, Chaldäer und Syrer genauso betrifft wie Deutsche oder wer immer es hören will.
"Wir werden nicht mehr schweigen!“, lautete für mich eine der Einsichten und Spitzensätze dieser Tagung. Nuri Kino, der assyrische Journalist aus Schweden, geboren in Midyat hat diesen Satz ausgesprochen, nicht nur einmal, mehrmals. Und ich höre und sehe jetzt immer noch, wenn er diesen Satz aussprach, wie er die Lippen zusammenkniff, seinen Zeigefinger darauf legte und mehrmals „pst“ machte – das Zeichen für still zu sein und nichts zu sagen von dem, was ich weiß. Das, so sagte er, war und ist viele Jahre lang die Haltung der Assyrer gewesen. Oft genug hatte er diese Haltung erlebt. „Wir Assyrer haben geschwiegen. Wir haben nichts gesagt. Die Öffentlichkeit hat wenig von uns erfahren. Das ist jetzt hoffentlich vorbei“, meinte er.
„Wir werden nicht mehr schweigen!“, so muss jetzt die neue Haltung der Assyrer lauten. Von Nuri Kino können wir das lernen, auch wir Deutsche – jetzt aber vor allem die Assyrer, Chaldäer und Syrer oder wie immer sich die Angehörigen des „einen Volkes“ und der „einen Nation“ nennen. Wir müssen von uns erzählen. Wir müssen unseren Mund aufmachen und von unserem Schicksal berichten. Das können und dürfen nicht nur die anderen machen, gleichsam stellvertretend für uns – wir selber sind gefragt. Gott hat uns einen Verstand gegeben, dass wir ihn einsetzen. Er hat ihn uns gegeben, nicht um zu schweigen und still zu sein, sondern um zu reden und zu handeln. Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, wenn wir unsere Situation verändern wollen. Freunde und Freundinnen werden uns dabei nicht im Stich lassen, sondern begleiten. Aber zu aller erst sind wir selbst gefragt. Unsere Geschichte und unser Leben, unser Leid und unsere Hoffnungen müssen ausgepackt und angesprochen werden, von uns, von jedem Einzelnen, wenn wir bestehen und nicht untergehen wollen in dieser immer noch wunderbaren und weiten Welt Gottes.
„Wir werden nicht mehr schweigen!“, so muss jetzt die neue Haltung der Assyrer lauten. Von Nuri Kino können wir das lernen, auch wir Deutsche – jetzt aber vor allem die Assyrer, Chaldäer und Syrer oder wie immer sich die Angehörigen des „einen Volkes“ und der „einen Nation“ nennen. Wir müssen von uns erzählen. Wir müssen unseren Mund aufmachen und von unserem Schicksal berichten. Das können und dürfen nicht nur die anderen machen, gleichsam stellvertretend für uns – wir selber sind gefragt. Gott hat uns einen Verstand gegeben, dass wir ihn einsetzen. Er hat ihn uns gegeben, nicht um zu schweigen und still zu sein, sondern um zu reden und zu handeln. Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, wenn wir unsere Situation verändern wollen. Freunde und Freundinnen werden uns dabei nicht im Stich lassen, sondern begleiten. Aber zu aller erst sind wir selbst gefragt. Unsere Geschichte und unser Leben, unser Leid und unsere Hoffnungen müssen ausgepackt und angesprochen werden, von uns, von jedem Einzelnen, wenn wir bestehen und nicht untergehen wollen in dieser immer noch wunderbaren und weiten Welt Gottes.
„Wir werden nicht mehr schweigen!“ – so ähnlich sagte es auch einer der Kirchenväter vor fast 500 Jahren in meiner protestantischen Kirche - es war Martin Luther: Christen müssen „mündige Menschen“ werden und sein. Und mündig heißt, seinen Mund nicht zu verschließen, sondern ihn aufzumachen, um zu reden. Meine Worte sind gefragt und sind wichtig, nicht nur die der anderen. Gott hat mündige Menschen geschaffen, die sich trauen, ihre Meinung zu sagen, Position zu beziehen und wenn es notwendig ist, auch Unbequemes zu sagen, also das, was andere nicht unbedingt hören wollen. Aber wenn es der Wahrheit, meiner Einsicht in die Wahrheit entspricht, muss sie mit Respekt gesagt werden so, dass der andere darauf hören kann, auch wenn er anderer Meinung ist. Die Wahrheit hat niemand für sich alleine gepachtet, auch keine Gemeinschaft, auch keine Volksgruppe, auch kein Volk, auch keine Kirche hat die Wahrheit alleine, sondern die Wahrheit haben wir nur gemeinsam. Wir können uns der Wahrheit immer nur gemeinsam annähern.
„Wir werden nicht mehr schweigen!“ – wir haben zu lange geschwiegen, wollte Nuri Kino, der Assyrer sagen. Er schreibt weltweit über die Assyrer, über ihre Geschichte, über ihre Kultur, über ihren christlichen Glauben, über ihr Leid und über ihre aktuelle Situation. Der Genozid 1915, der Exodus in den 30er Jahren und vor allem die Diskriminierung der Assyrer heute sind nur einige Themen seines „gebrochenen Schweigens“. Er will nicht mehr schweigen, sondern reden. Er will andere damit anstecken, das gleiche zu tun, eben mit ihren Fähigkeiten und ihren Mitteln. „Wir dürfen uns nicht mehr verstecken. Wir sind eines der ältesten Völker und haben ein Recht, wie alle anderen Völker auch, zu leben, zu hoffen, uns zu freuen und von anderen anerkannt zu werden, so wie wir uns bemühen, auch sie anzuerkennen.
„Wir werden nicht mehr schweigen!“ – aus dem Reden kann ein Aufschrei werden, laut oder leise, geschrieben oder mit der eigenen Stimme formuliert. Der Irak fordert heute unseren Schrei heraus, wenn Assyrer, Chaldäer und Syrer, Yesiden und Mandäer nicht mehr in ihrer Heimat leben dürfen. Schlimme Nachrichten erreichen uns gegenwärtig, fast täglich. Niemand weiß, wie es weitergehen wird.
Christen werden im Irak von islamistischen Gruppierungen und terroristischen Banden als „Ungläubige“ bezeichnet, werden gedemütigt, werden zutiefst in ihrer Seele verletzt oder ermordet. Christliche Frauen werden gezwungen, sich wie Muslimas zu kleiden und zu verhalten, Frauen und Mädchen werden entführt und vergewaltigt, ihnen wird ihre Würde genommen. Kirchen werden angegriffen und zerstört; Kirchenleute werden gekidnappt; hohe Lösegelder werden verlangt oder sie werden auf grausame Weise umgebracht. Christen wird ihre Heimat streitig gemacht, obwohl sie zu der Minderheit gehören, die mit am längsten in diesem Land lebte und mit dazu beigetragen hat, den heutigen Irak und das frühere Mesopotamien kulturell und religiös reich zu machen.
Christen haben auf einmal alle gegen sich und das Vorgehen der Gegner, die die Christen nicht dulden wollen, tragen alle Anzeichen einer „ethnischen Säuberung“. Weiß eigentlich der amerikanische Präsident Bush, der einst als Befreier kam und jetzt zum Verwalter des Chaos wurde, dass er als Christ die Christen im Irak ins Verderben gestürzt, dass er sie verraten und anscheinend vergessen hat? Macht er sich überhaupt noch Sorgen um sie?! Als ob ihn das ungeheure Flüchtlingsproblem und die Leiden der Assyrer, Chaldäer und Syrer nichts angehen, so hat man als Beobachter den Eindruck.
Immer mehr Assyrer fliehen aus ihrer Heimat und suchen Zuflucht in den Nachbarländern oder im westlichen Ausland. Ein assyrischer Flüchtling sagte voller Bitterkeit und bar jeder Perspektive: „Die Vergangenheit wurde uns zerstört, die Gegenwart bedroht und unsere Zukunft versperrt“. Verängstigte und verzweifelte Menschen sind unterwegs und wissen nicht wohin und wie sie den nächsten Tag erleben. Sie sind im Elend, ohne Heimat, ohne Land, ohne Zukunft. Zehntausende Assyrer, Chaldäer, Syrer - vielleicht sind es sogar Hundert Tausende - sind unter den Flüchtlingen, die wieder erleben müssen, dass der Genozid, den sie in ihrer Geschichte 1915 erleiden mussten, leider noch immer nicht zu Ende ist.
Ich frage mich: Warum lassen Menschen die anderen nicht leben? Warum geben sie ihnen nicht die gleichen Rechte, die sie für sich in Anspruch nehmen? Warum passiert es immer wieder, dass Menschen, die anders sind als sie oder ich – politisch, ethnisch, kulturell, religiös – die Andersartigkeit des anderen nicht aushalten? Warum verstehen wir die Vielfalt, die Gott geschaffen hat, nicht als Reichtum? Warum lernen wir so wenig aus unserer Vergangenheit?
Warum haben wir und die anderen, wie der bekannte Arzt und Theologe Albert Schweizer es forderte, so wenig „Ehrfurcht vor dem Leben“? Wir haben das know how, um auf den Mond zu gelangen, sagte einst der schwarze Bürgerrechtler und Pfarrer Martin Luther King, aber wir Menschen sind nicht fähig, miteinander zu leben, wir sind nicht fähig, Brücken zueinander zu bauen, wir sind nicht fähig, ohne Gewalt miteinander zu leben. Respekt und Toleranz sind Fremdwörter geworden. Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer im Dritten Reich, sagte einst in „dunkler Zeit“ sinngemäß: Wer für die Juden nicht schreit, darf nicht gregorianisch singen. Er wollte damit sagen: Wer seinen Mund für die Unterdrückten und Leidenden nicht auf macht, der hat auch keine Berechtigung, Gottesdienst zu feiern. Er schrie für die Juden und verlor sein Leben für sie.
Wir haben zu lange still gehalten.
Wir haben zu lange geschwiegen und nicht geredet.
Wir haben zu lange weggesehen und unsere Augen verschlossen.
Wir haben zu lange weggehört und unsere Ohren verstopft.
Wir haben zu lange geschehen lassen, was hätte nicht geschehen dürfen.
Deshalb werden wir nicht mehr schweigen.
In doppelte Richtung muss dieses „nicht mehr schweigen“ gehen: Einmal zurück in die Vergangenheit, in die Geschichte, die Assyrer, Chaldäer und Syrer verbindet. Sie muss aufgedeckt und bekannt werden. Zum andern nach vorne in die Zukunft, die umschrieben wird mit dem „Anliegen der Versöhnung“. Vergangenheit kann nicht ständig aufgerechnet werden, sondern muss geheilt werden, um in neuer Weise auf ehemalige Gegner zuzugehen. Wer von der Einheit des Volkes und der Nation spricht und es damit ernst meint, wird sich auf diesen Prozess der Heilung einlassen müssen, der Versöhnung heißt. Nur so ist gemeinsames Leben wieder möglich.
„Seid Botschafter der Versöhnung“, nannte der Apostel Paulus im 2. Korinther Brief die Christen unabhängig von ihrer Kirchen- und Konfessionszugehörigkeit.
Und der bekannte deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker sagte: „Man kann in dieser Welt, wie sie ist, nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll“. Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung für uns Menschen und unsere Welt insgesamt, das gilt auch den Menschen im Irak und ihrem Land! Deshalb lasst uns gemeinsam weiterziehen – wohl wissend: Du bist nicht allein, viele gehen mit!
„Wir werden nicht mehr schweigen!“
Shlomo! Horst Oberkampf
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